Seniorenbetreuungsgruppe: Gemeinschaft im Bauer-Haus

Heraus aus der Einsamkeit der eigenen vier Wände, miteinander etwas unternehmen, die Gemeinschaft pflegen, der Vereinsamung im Alter entgegenwirken, Lebensfreude erleben trotz Alter und Handicap. Dies können die Senioren bei der Caritas-Betreuungsgruppe in Wallersdorf. Drei Mal in der Wochen treffen sich die älteren Mitbürger im „Bauer-Haus“, um gemeinsam Zeit zu verbringen.

Von Andrea Schwarzmeier

„Tanze mit mir in den Morgen, tanze mit mir in das Glück“, klingt es fröhlich aus zehn Mündern. Um einen liebevoll herbstlich dekorierten Tisch  mit Kastanien, Zweigen, Moos und Hirschgeweih sitzen ältere Frauen. Sie singen Lieder aus einem Heft. Dazu spielt im Hintergrund ein CD-Player die Melodie. „Das war jetzt aber schön“, lobt Erika Kerscher, die Leiterin, die mit ihrem ehrenamtlichen Team von sechs Mitarbeitern die Senioren begleitet. „Wollen wir noch etwas singen?“ fragt Kerscher. Schnell ist ein neues Lied gefunden. „Tanzen möcht´ ich, jauchzen möcht´ ich, in die Welt es schreien, “ stimmen die Frauen das Lied aus ihrer Jugend an. „Tausend kleine Engel singen, habt euch liebt“, eine Melodie aus der Operette Csárdásfürstin ertönt im Raum. Die Frauen, unter ihnen auch Ursula Wagner, die Leiterin des Sozialpflegerischen Dienstes der Caritas, ist mit dabei. Die Anwesenden hacken sich unter. Es wird geschunkelt, gesungen und gelacht. Selbst wer nicht mitsingt und nur zuhört, bewegt seinen Oberkörper, den Kopf oder die Finger auf der Tischplatte zur Melodie. Die Augen der Seniorinnen leuchten. Viele haben dabei ein Lächeln auf den Lippen. „Als ich noch jünger war, bin ich gerne zum Tanzen gegangen“, erinnert sich eine Frau. „Lasst uns die Zeit nutzen. Heute geht es uns gut. Wir sind beisammen. Alles ist begrenzt“, sagt Erika Kerscher und die Senioren nicken.

Gemeinsam singen und schunkeln und sich an frühere Zeiten erinnern, die Senioren im Bauer-Haus sind eine Gemeinschaft. (Foto: A. Schwarzmeier)

Hier rund um den hölzernen Tisch im Bauer-Haus sitzen Menschen, mit ihren Lebenswegen, Biografien, Menschen die ihr Leben mit Geschichten gefüllt haben, mit Begegnungen, mit Erlebnisse, die Höhen und Tiefen erlebt haben, Menschen mit ihren Träumen und auch unerfüllt gebliebenen Wünschen, ihrer Weisheit.  Hier haben sie nun in ihrem Lebensherbst einen guten Platz gefunden, einen Platz im „Bauer-Haus.“ Im „Bauer-Haus“ in Wallersdorf treffen sich regelmäßig die Senioren bei der Wallersdorfer Betreuungsgruppe. Die Caritas bietet in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Wallersdorf dieses Angebot. Hier haben Senioren eine Anlaufstelle, um gemeinsam Zeit zu gestalten und um pflegende Angehörige zu entlasten. Dieses Angebot gibt es seit 2015 in Wallersdorf.  Eine weitere Betreuungsgruppe unter der Trägerschaft der Caritas wurde 2013 in Eichendorf installiert. Hier finden die Senioren Heimat und ein Stück Lebensqualität, das sie durch die sozialen Kontakte erfahren. Zudem ermöglicht das wohnortnahe Angebot für alle pflegende und betreuenden Angehörigen Entlastung und frei verfügbare Zeit.

Ursula Wagner, die Leiterin des sozialpflegerischen Dienstes der Caritas sowie Erika Kerscher, die Leiterin des Bauer-Hauses mit zwei ehrenamtlichen Helferinnen. (Foto: A. Schwarzmeier)

Die beiden Betreuungsgruppen in Wallersdorf und Eichendorf stehen für ältere Personen offen. Die Senioren kommen zusammen, um gemeinsam schöne Stunden zu verbringen. Unterstützt werden sie von Betreuern, die sich ganz auf die Bedürfnisse der Gäste einstellen. In familiärer Atmosphäre wird individuell auf die Wünsche der Besucher eingegangen. Die Leiter und Betreuer der Gruppe bemühen sich um die Mobilisierung, die Förderung der Kommunikation sowie der Stärkung der individuellen Fähigkeiten und Kompetenzen jedes einzelnen Gastes. Die Leiterin des Sozialpflegerischen Dienstes Ursula Wagner von der Caritas Landau erklärt: „Wir sind keine Tagesstätte und wir sind keine teilstationäre Einrichtung.“ Wagner beschreibt die Arbeit der Betreuungsgruppe als „Hoagarten“, als gesellige Treffen. Schon vor Jahrhunderten trafen sich bei einem Hoagarten Freunde und Nachbarn zu Hause und im Garten, um sich zu unterhalten, um Karten zu spielen, Musik zu machen, um zu nähen, zu häckeln oder zu stricken. Auch in Wallersdorf treffen sich die Senioren, um miteinander Zeit zu verbringen. „Es ist unser Ziel Angehörige zu entlasten und bei den älteren Menschen die sozialen Kontakte aufrechtzuerhalten“, sagt Ursula Wagner. „Wir verstehen uns als Entlastungsgruppe“, sagt die Leiterin des Sozialpflegerischen Dienstes. Durch dieses Angebot können pflegende Angehörige eine Zeit der Entspannung und Erholung finden.

Soziale Kontakte aufrecht erhalten, auch im Alter – im Bauer-Haus wird dies täglich gelebt. (Foto: A. Schwarzmeier)

Die Gruppe in Wallersdorf ist an drei Tagen in der Woche jeweils von acht Uhr morgens bis 16 Uhr am Nachmittag geöffnet. Eine Betreuerin ist für drei Gäste zuständig. „Viele der Senioren besuchen die Gruppe auch stundenweise“, informiert Ursula Wagner. Überwiegend werden die Besucher von den Angehörigen selbst in die Betreuungsgruppe gebracht. Bei Bedarf können die Senioren auch von daheim abgeholt werden. Finanziert wird der Besuch im „Bauer-Haus“ durch die Pflegeversicherung oder privat. Die Gruppe steht allen älteren Mitbürgern offen, die Lust haben, einen schönen Tag mit Gleichgesinnten zu verbringen.

Der Tisch im Bauer-Haus, um den sich die Senioren versammeln, ist liebevoll dekoriert. (Foto: A. Schwarzmeier)

Inzwischen werden im Bauer-Haus die Kaffeetassen herumgereicht. Der Kaffee wird eingeschenkt, der Kuchen ausgeteilt. Es wird geplaudert, wird erzählt von den Kindern, den Enkeln, der früheren Arbeit. Je länger der Nachmittag dauert, desto gelöster sind die Gedanken, desto wacher die Gesichter. Erinnerungen an die Vergangenheit werden wach, an Kindheit und Jugend. Geschichten werden erzählt über das Leben, das einem geschah oder man selbst gestalten konnte. Es wird an Vergangenes erinnert. Die Betreuer hören aufmerksam und wertschätzend zu, ermuntern, begleiten, schenken den Gästen ihre Zeit. Erika Kerscher, die Leiterin des Bauer-Hauses hat für die Anwesenden eine Übung vorbereitet. „Wir wollen im Garten ein Vogelhäuschen aufstellen und wir wollen jetzt schon die Vögel anfüttern, damit sie, wenn einmal Schnee liegt, ihre Futterstelle finden.“ – So kommt Kerscher mit den Frauen ins Gespräch. Welche Vogelarten kennen sie? Welche Lieder über Vögel? Welche Vogelstimmen erraten sie? Es gibt Wissens- und Quizfragen, Gedichte und Rätsel. Mit dieser Einheit will Kerscher die Konzentration, das Erinnerungsvermögen, die Denkflexibilität, die Fantasie und die Merkfähigkeit, die Kreativität, die Wortfindung und die Wahrnehmung steigern. Es wird viel gelacht und gerätselt. Viele der Frauen erzählen von ihren Erfahrungen, die sie in ihrer Lebensschatzkiste bewahrt haben. An diesem Tag fädelten die Frauen auch Haselnüsse auf einen Draht – Futter für die Vögel. Erika Kerscher, die erfahrende Fachkraft mit Zusatzausbildung, die die Gruppe leitet, will eines: „Die Senioren sollen sich bei uns wohl fühlen.“

Im Bauer-Haus wird gemeinsam gelacht, gesungen und über das Leben erzählt. (Foto: A. Schwarzmeier)

Dazu trägt auch ein strukturierter Tagesablauf bei, der sich nach der jeweiligen persönlichen Situation der Besucher richtet. Morgens wird ein Frühstück angeboten, mittags wird gekocht, nachmittags gibt es Kaffee und Kuchen. Auf dem Programm stehen zudem Basteln, Singen, Spielen, Spaziergänge, Ausflüge, Geschichten hören und erzählen und vieles mehr. „Wir holen unsere Gäste da ab, wo sie stehen. Wir wollen miteinander eine schöne Zeit erleben“, sagt Erika Kerscher. Am Dienstag, Mittwoch und Freitag ist die Gruppe in Wallersdorf geöffnet. „Die Leute kommen zu den unterschiedlichsten Zeiten zu uns“, so Kerscher. Manche kommen zum Mittagessen und gehen am Nachmittag wieder nach Hause. Jeden Tag wird frisch gekocht. So können die Senioren, wenn sie es möchten, auch beim Kochen mithelfen. „Wir beziehen die Wünsche unserer Gäste in den Essensplan mit ein. Bei der Mithilfe beim Kochen schulen die Senioren zudem ihre Alltagskompetenz und es geht immer ein Ratsch“, lacht Kerscher.

Gemeinsam eine schöne Zeit erleben, das ist das Ziel der Besucher des Bauer-Hauses. (Foto: A. Schwarzmeier)

Das Tagesprogramm orientiert sich auch am Jahreslauf.  So wurde im Herbst das Erntedankfest gefeiert, gesungen. „Auch unser Hausgeistlicher Pfarrer Schreiner begleitet uns und betet manchmal mit uns den Rosenkranz und bringt und die Kommunion“, informiert die Leiterin. Es wird gemeinsam Geburtstag gefeiert, Bewegungsspiele durchgeführt oder auch kleine Ausflüge unternommen.  Gesellschaftsspiele, Sitzgymnastik oder Erinnerungsübungen gehören zum Gruppenalltag. „Bei uns sollen sich die Menschen angenommen fühlen und Wertschätzung erleben“, bekräftigt Erika Kerscher. Hier in der Runde im Bauerhaus hat alles Platz, was das Leben ausmacht: Freude, Lachen auch mal Wehmut über Vergangenes. Hier fühlen sich die Menschen in der Gemeinschaft aufgehoben und getragen. Die Gemeinde Wallersdorf hatte gemeinsam mit der Caritas einen Ort geschaffen, an dem dies möglich wurde.

Die Gemeinde hatte das „Bauer-Haus“ in der Füeßlgasse erworben. Lange wurde darüber im Gemeinderat diskutiert, was mit diesem Gebäude geschehen solle: Abbrechen oder stehen lassen? Diese Räumlichkeiten waren ideal um eine Betreuungsgruppe einzurichten. „Es müssen vor allem die Räume passen. Wir haben in Wallersdorf eine Wohnküche. Das Bad wurde behindertengerecht umgebaut. Wir haben einen Gruppenraum, der zehn bis zwölf Senioren Platz bietet“, erzählt Wagner. Zudem gäbe es einen Ruheraum. Alles ist seniorengerecht ausgestattet. An die 25 Gäste nutzen derzeit das Angebot, durchschnittlich sieben pro Betreuungstag. Die Helfer, die alle durch eine spezielle Schulung vorbereitet wurden, unterstützen Erika Kerscher  in ihrer Arbeit. Bürgermeister Ottmar Hirschbichler würdigt das Engagement um die Senioren: „Es ist für uns ein Glücksfall, dass das Bauer-Haus dieser Verwendung zugeführt werden konnte. Das Angebot der Caritas wird unwahrscheinlich gut angenommen.“ Es sei ein beliebter Treffpunkt und eine wesentliche Bereicherung für die Senioren. „ Diese Einrichtung hebt die Lebensqualität in der Marktgemeinde“, lobt Bürgermeister Hirschbichler auch die Verantwortlichen der Caritas und die ehrenamtlichen Helfer.

Gemeinsam alte Lieder singen – dies verbindet die Senioren. (Foto: A. Schwarzmeier)

16 Uhr im Bauer-Haus. Der Kaffeetisch wird abgeräumt. Die Liederbücher kommen in eine Kiste. „Mei wars heit wieder schee und die Zeit ist so schnell vergangen“, resümiert eine Besucherin. Eine Gemeinschaft mit Gleichgesinnten erleben, Zeit schenken, anerkennen und würdigen was war und ist: Nach einem ausgefüllten Tag gehen dann die Senioren nach Hause, manche in die Einsamkeit ihrer vier Wände, in denen niemand mehr auf sie wartet, doch in der großen Vorfreude auf den nächsten Besuch im „Bauer-Haus.“

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