„Goggo go, go!“ – Oldtimerausfahrt zum Wendelstein

Goggo go, go! – Mit 180 Sachen über die Autobahnen zu brettern ist nicht ihr Ding. Sie gondeln lieber mit rund 50 Kilometern pro Stunde die Landstraßen entlang und genießen die schönen Abenteuer, die sich abseits der Betonpisten bieten. Mit dem deutschen Kleinwagen der fünfziger Jahre ging es auf große Fahrt rund um den Wendelstein. Start für die Mitglieder der Goggo- und Glasfahrergemeinschaft mit ihren 20 Goggomobilen war das Glas-Denkmals in Dingolfing.

Von Andrea Schwarzmeier

137,7 Kilometer Langsamkeit, Entschleunigung und jede Menge Schraubarbeiten lagen vor den Goggofahrer der Goggo- und Glasfahrergemeinschaft  (http://www.goggo-glasfahrer.dgf.de ) bis zum Ziel im bayerischen Oberland in Oberaudorf, südlich von Rosenheim. Die kleinen Koffer sind auf dem Rücksitz verstaut, die Handtasche und das Roadbook im Fußraum des Beifahrersitzes, das Rallye-Schild ist an der Stoßstange festgezurrt, das Reserverad im Bug. Das Thermometer zeigt 19 Grad Celsius. Die Sonne scheint. Der Motor des Goggo surrt gleichmäßig wie der Rasenmähermotor in Nachbars Garten. Das Benzin-Ölgemisch verbreitet sich vielversprechend. Der Optimismus ist grenzenlos: Das Goggomobilchen geht auf Reisen!

Auf geht es auf große Fahrt mit dem Ziel Wendelstein. (Foto: A. Schwarzmeier)

Die Goggo-Freaks lieben die Langsamkeit, denn ein Ferrari des kleinen Mannes mag es gemächlich. Geht es dem kultigen Automobil zu schnell, fängt es an zu spucken, denn ihm wird schnell übel von der Raserei. Also behutsam mit 46 km/h durch die Gegend promenieren, vier, fünf Kilometer weit, als plötzlich das Goggochen Töne von sich gibt, wie eine Kreissäge auf LSD-Trip. Das Adrenalin steigt. Der Puls rauscht den Berg hinauf. Das Gedächtnis arbeitet auf Hochtouren: Zündkerze? Kolben? Zündspule? Achse? Getriebe? Zu schnell gefahren? Rechts ran. Ärmel hochkrempeln. Auf Ursachensuche gehen. Die Plastikflasche mit dem Zweitakt-Öl hat sich im Lüfterrad verfangen. Schon bald ruckelt der kleine Oldie wieder gemächlich vor sich hin. Die Köpfchen der gelb-weißen Plastikblumen im Wageninneren nicken im Takt dazu. Goggo, go, go!

Selbst ist die Frau: Bei so einem Goggomobil braucht es immer wieder mechanische Pflege. (Foto: A. Schwarzmeier)

Dingolfing. Glas-Denkmal. Hier warten Hermine Neff und Helmut Riemer, die die Tour organisiert, sowie Fritz Baron und Anton Ausmann, die die Roadmaps ausgearbeitet haben. Allmählich tuckern die Teilnehmer mit ihren Goggos in die Startaufstellung. Schon vor dem Start musste ein Fahrerteam aus Richtung Landshut einen Zwischenstopp einlegen. Der Grund: ein defekter Schwimmer sowie ein poröser Benzinschlauch. Der Tour-Mechaniker Xaver Erber macht sich auf den Weg um erste Hilfe zu leisten. Er wird der gefragteste Mann auf der Expedition sein. Ein weiteres  Fahrzeug einer Landauer Mannschaft streikt bei Harburg. Der Motor steht schlagartig still. Ein Kolbenfresser. Nichts geht mehr. Also machen sich statt der 20 nun 19 Oldies auf den Weg ins Oberland. Doch noch in Dingolfing haben Tour-Mechaniker Xaver Erber gemeinsam mit Michael Haslbeck den nächsten Einsatz. Ein Auto erwischt kein Benzin. Goggo, go,go!

Xaver Erber ist der gefragteste Mann der Tour. Er bringt jedes Goggomobil wieder zum Fahren. (Foto: A. Schwarzmeier)

„Heit is Action“, waren sich Fahrer schnell einig. Manchmal hat halt die Wiederentdeckung der Langsamkeit seinen Preis und richtige Goggo-Fans halten zusammen, Schraube für Schraube. Da ist schon mal der ganze Mann und die ganze Frau gefordert. Doch hat man den Kleinwagen der fünfziger Jahre in sein Herz geschlossen, dann weiß man, warum moderne Autos langweilig sind. „Steht´s ihr no, oder fahrts is scho?“- Wer Goggo fährt taucht zwangsläufig schnell in das Thema Autotechnik ein.

Wer sein Goggo liebt, der schiebt. (Foto: A. Schwarzmeier)

Ob wir wohl jemals bis nach Oberbayern kommen? Doch die Fahrzeuge, die nach dem Krieg Hans Glas erfand, weil die Motorradfahrer ein Dach über den Kopf wollten, sind zäh.Vergaser, Schwimmer, Schwimmernadel, Benzinschlauch, Düse, verstopfter Haupthahn, Standgas oder gar ein Öldosendeckel im Tank – ein echter Goggofahrer hat alles mit Hilfe seiner Goggo-Freunde im Griff. Von 1955 bis 1969 liefen die Kleinstwagen in Dingolfing vom Band. Heute werden sie von Autoliebhabern liebevoll gepflegt und gefahren, so auch von den Mitgliedern der Goggo- und Glasfahrergemeinschaft Dingolfing, von denen sich einige auf den Weg von Dingolfing bis nach Oberaudorf aufmachten.

Der Stolz jedes Goggobesitzers: Der Ferrari des kleinen Mannes am Fuße des Wendelstein. (Foto: A. Scharzmeier)

Die Strecke führt den Oldie-Konvoi über Frontenhausen, Gangkofen nach Neumarkt-Sankt Veit zum Huber-Wirt in Unterreit (http://www.gasthaus-huber.com ) wurde auf halber Strecke ein weiterer Boxenstopp bei Kaffee und Kuchen eingelegt. Weiter ging die Fahrt über Stephanskirchen, Richtung Simssee, vorbei an Rosenheim, Nußdorf am Inn bis am Abend in Oberaudorf im Gasthof Ochsenwirt die Zimmer bezogen werden konnten.  (http://www.ochsenwirt.com).

Die Gemeinschaft der Goggo- und Glasfahrer aus Dingolfing beim Gasthaus „Ochsenwirt“ in Oberaudorf. (Foto: A. Schwarzmeier)

Idyllisch im Alpenvorland im bayerischen Inntal, direkt an der Grenze zu Tirol, liegt der Urlaubsort Oberaudorf, am Fuße des Wendelsteins. Der Mittelpunkt des Luftkurortes ist die Pfarrkirche. Oberaudorf ist zudem Heimat des ehemaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, sowie von den Fußballern Bastian und Tobias Schweinsteiger.

Idyllisch unser Quartier in Oberaudorf, dem Heimatort von Bastian Schweinsteiger. (Foto: A. Schwarzmeier)

Am nächsten Tag ging es für die Goggofahrer mit Deutschlands erster Zahnradbahn auf den Wendelstein. Otto von Steinbeis errichtete in den Jahren 1910 bis 1912 dieses technische Pionierwerk. Vorbei an Almwiesen, durch schattigen Wald und über schroffe Felsen fährt die Zahnradbahn auf 25 Minuten 7,6 Kilometer den Berg hinauf und passiert dabei Tunnel und Brücken. (http://www.wendelsteinbahn.de)

Hinauf geht es auf den Wendelstein. Wir fahren mit der historischen Zahnradbahn, während andere Gäste die Gondelfahrt bevorzugen. (Foto: A. Schwarzmeier)

Auf 1.723 Metern ist das Ziel erreicht, der Wendelstein, der schönste Aussichtsberg zwischen Chiemsee und Tegernsee. Die Ausflügler genossen einen Aufenthalt auf der Bergterrasse am Wendelsteinhaus, besichtigten die Wendelstein-Kirche, Deutschlands höchstgelegene Kirche, die Wendelstein-Höhle oder wanderten zur Sternwarte.

Der Blick vom Wendelstein auf die Bergwelt. (Foto: A. Schwarzmeier)

Die nächste Herausforderung für die hartgesottenen Goggofahrer, die Tatzelwurmstraße. Puuh! 18 Prozent Steigung den Berg rauf! Da fehlt den kleinen Autos schon mal die Luft. Die Steigung macht sich bemerkbar. Die Drehzahl sackt in den Keller, die Geschwindigkeit ebenso. Jede zu lange Schaltpause und jeder falsch gewählte Schaltzeitpunkt zehrt den mühsam gewonnenen Schwung wieder auf. Das Gaspedal wird beherzt zu Boden getreten, damit der freudig aufheulende Motor bei Laune gehalten wird und nicht leblos in den Drehzahlkeller absackt. Die Kurzen schlängelten sich tapfer den Berg hinauf, bis zum „Feurigen Tatzelwurm“. (http://www.tazelwurm.de). Das wäre ja gelacht, wenn auch mal mit etwas Nachhilfe vom Tourmechaniker Xaver Erber. Die Reifeprüfung ist geschafft. Goggo, go, go!

Wir haben es geschafft! Der Tatzelwurm ist erreicht. Wir haben uns ein Bierchen verdient. (Foto: A. Schwarzmeier)

Gurgelnd, rauschend, schäumend, sprühend stürzen sich die Wasserfälle in der Gumpei-Klamm am Tatzelwurm in die Tiefe. Über zwei Felsstufen geht es 95 Meter hinab. Die vom stäubenden Wasser durchsetzte Luft schimmert. In der Tiefe soll das fürchterliche Drachenuntier, der Tatzelwurm hausen. Doch davon ließen sich die Reisenden nicht beeindrucken. Ein Goggo wird mit jedem Drachen fertig.

Hermine Neff und Helmut Riemer haben die Oldtimerausfahrt organisiert. (Foto: A. Schwarzmeier)

Die Liebhaber der vierrädrigen Gefährte von anno dazumal machten sich tags drauf wieder auf die Heimreise. In der Ebene einmal in Schwung macht Goggo-Fahren einfach richtig Laune. Wie ein Joystick kann der Schalthebel bedient werden, bis der kleine Motor jubelt und mit 60 durch die Lande brettert. Bis zur nächsten Tankstelle. „ Mei sand de Goggos liab“, die 90-jährige Tankstellen-Oma Mariedl und ihr in die Jahre gekommener Schäferhund Vroni drücken sich die Nasen an den Fensterscheiben platt: „So einen Goggo hat mein Meister früher auch gehabt, damit hat er alles, transportiert, was er für den Hausbau gebraucht hat“, erzählt Oma Mariedl.

Oma Mariedel, die Tankstellen-Frau freut sich: Die Goggos waren die Automobile ihrer Kindheit. (Foto: A. Schwarzmeier)

Ein paar Liter Benzin hinein in den Tank, eine Kanne Öl dazu und es kann weitergehen. Die liebevoll restaurierten Wägen ziehen mit fröhlichem Gebell des Zweitakters weiter.

Anton Ausmann feierte bei der Tour seinen 75. Geburtstag. Seine Frau Traudl war mit auf Reisen. (Foto: A. Schwarzmeier)

Am Straßenrand stehen die Menschen und winken den Goggos mit der Patina aus den 50ern freudig zu. Goggo, go, go! Die wahren Abenteuer liegen auf der Straße. 

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