Der stille Bewahrer – Kirchenmaler und Restaurator Manfred Kamm

Alte Farbrezepte, Feingefühl, viel Geduld und dazu ein goldenes Händchen, dies braucht der Kirchenmaler Manfred Kamm, der derzeit in der Pfarrkirche Sankt Stephanus in Kammern den sakralen Innenraum gestaltete.

Von Andrea Schwarzmeier

Kammern. Pinseln stehen in einem Glas, Farbtöpfe mit Deckeln stehen daneben. Es riecht nach frischer Farbe. In einer Kirchenbank liegt ein Rucksack, daneben steht ein Becher Joghurt, eine Banane und eine Flasche Mineralwasser. Leise nur surrt ein Radio. Ansonsten ist es ruhig und kühl im Inneren der Pfarrkirche Sankt Stephanus, während draußen der Tag in der Sommerhitze flirrt. Dicke Wände schirmen den Lärm der Welt ab, bilden eine Oase der Stille. Hier ist seit letztem März der Arbeitsplatz von Manfred Kamm, der für den Kirchenrestaurator- Firma Johann Kallinger aus Hofkirchen arbeitet. „Ich war in dieser Zeit größtenteils alleine in der Kirche beschäftigt“, erzählt der Kirchenmaler und Restaurator, der in seiner Hand einen Kasten mit Trockenpigmenten, Farben aus historischen Erden, hält. Ocker-Töne aus Siena in Italien finden sich darin, Blau-Töne aus Frankreich, ein Farbton Englisch-Rot.„ Dies hier ist die Farbe Caput Mortuum, ein violettstichiges kühles Rot, das sehr oft in Kirchen verwendet wird“, erklärt der Kirchenmaler. Nach alten Rezepten, wie sie vor ein paar hunderten von Jahren zusammengemischt wurden, arbeitet Manfred Kamm noch heute. „ Wir verwenden bei unseren Arbeiten auch Mittel wie früher. Kalk und Magermilch, dies ergibt ein gutes Bindemittel“, verrät Kamm. Auch Mineralien, Erde, Pflanzensäfte werden verwendet. Das Wissen um die alten Materialien ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit als Kirchenmaler.

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Kirchenmaler und Restaurator Manfred Kamm gestaltet ein Apostelkreuz. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

Für Kamms Arbeit braucht es Geduld und Besonnenheit, Bedachtsamkeit und Ruhe. Der Handwerker nimmt einen Pinsel, jenen mit ganz wenig Pinselhaaren. Ganz bedächtig streicht er sanft mit diesem Gerät über die Kirchenmauer, auf der er mit Kohle Umrisse aufgezeichnet hat. Er füllt nun die Fläche mit Farben. Mit ruhiger Hand führt er den Pinsel. Farbschicht und Farbschicht trägt der Kirchenmaler auf. Hochkonzentriert arbeitet der Mühlhamer an dem gotischen Apostelkreuz. „Wird schön“, sagt er und meint damit die neue Innengestaltung der Kirche. Dort wo früher graue Wände waren, erstrahlt nun der Kirchenraum von Sankt Stephanus in Weiß, Braun- Gelb- und Grüntönen. Die Fenster bekamen eine Umrandung, die Altäre wurden neu gestaltet, die Heiligenfiguren restauriert, die Kreuzwegbilder, die Empore. „Maßnahmen, die wir durchführen, werden größtenteils mit dem Landesamt für Denkmalpflege abgesprochen. Wir erarbeiten ein Restaurierungskonzept und Musterflächen“, erklärt Kamm. Nach Befunduntersuchungen wird versucht, den Ursprungszustand der Kirche wieder zu rekonstruieren.Dabei ist dem Kirchenmaler und Restaurator eines wichtig: „ Den alten Charakter und den Zustand wieder herzustellen, den Bestand bewahren und erhalten so gut es geht.“

Manfred Kamm ein Sucher nach den Spuren der Vergangenheit, ein Bewahrer von altem Kulturgut. Er holt verborgene Schätze ans Licht. Er hat auch die Figur des heiligen Stephanus, des Patrons der Kirche in Kammern, restauriert. Da braucht es für ihn nicht nur Pinsel, sondern auch ein Skalpell. Kamm ritzt damit ein kleines Loch in die Figur und blickt in die Vergangenheit. Diese Befundöffnungen sind ein Fenster in vergangene Epochen. Erst, wenn der Restaurator weiß, wie die Statue früher ausgesehen hat, als sie unter den Händen des Bildhausers entstand, weiß Kamm, was er zu tun hat. „Den Stephanus habe ich gereinigt und retuschiert. Bei vielen Figuren mussten die Gesichter und die Hautbereiche neu gestaltet werden. Der heilige Leonhard wurde neu gefasst. Die Figuren waren verrußt, eingestaubt und auch der Holzwurm hat an ihnen genagt“, sagt Kamm.

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Filigrane Kleinarbeit – ein Detail aus dem seltenen Renaissance-Altar in der Pfarrkirche in Kammern. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

Ein Skalpell brauchte der Kirchenmaler auch, um den Farbauftrag in der Kirche zu studieren. „ Meist nimmt man eine Befundöffnungen in Mauerecken vor, weil hier besonders gut der Farbauftrag der verschiedenen Epochen sichtbar wird“, sagt der Kirchenmaler. So finde man in den Mauerecken oft noch die Erstfassung eines Raumes, so dass man den ursprünglichen Zustand wieder rekonstruieren kann. Ein Kirchenmaler ist nicht nur ein Gestalter und Handwerker, sondern auch einer, der der Zeit und der Vergangenheit nachspürt. So mussten auch zwei sehr seltenen Renaissance-Altäre, ein Seiten- und der Hauptaltar in der Kirche und die Kanzel in Kammern restauriert werden. Letztere war besonders in Mitleidenschaft gezogen. „Der Kanzeldeckel war marode, denn es hat in die Kirche rein geregnet. Der Untergrund der Kanzel war mit Kreidegrund gestaltet. Die Ornamente waren mit Leim angebracht. Durch den Regen ist der Kreideuntergrund aufgeweicht. So hatte die Kanzeln enorme Schäden“, sagt Kamm, der die Kanzel großflächig erneuerte. Der Kirchenmaler zieht sein Handy aus seiner Hosentasche und zeigt ein Foto, wie die Altäre in der Pfarrkirche in Kammern noch bis vor kurzem ausgesehen haben: „Die wurden einfach mit grüner Farbe übermalt. So machte man das halt früher“, sagt er. Nun hat der Mühlhamer die Altäre wieder in ihre ursprüngliche Farbe gebracht und restauriert. “Früher hatten die Menschen ein gutes Gefühl und Wissen für die Raumgestaltung. Nur hin und wieder haben sie halt einmal daneben gelegen“, lacht er. „Ich durfte die Altäre hier neu maserieren. Dies ist keine alltägliche Arbeit“, ist Kamm stolz. Beim Maserieren wird die Maserung vom Holz kunstvoll imitiert. Zudem seien die beiden Renaissance-Altäre im Kammern, die ursprünglich aus der Pfarrkirche Sankt Vitus in Thomasbach stammen, unglaublich edel. „ Renaissance-Altäre gibt es in unserer Gegend selten, die meisten Altäre stammen aus der Barockzeit“, sagt Kamm. Was auch viele Einheimische nicht wissen: hinter dem Altar in Kammern ist ein Bildnis, eine Jesus-Darstellung, angebracht. „Früher war der Hochaltar in Thomasbach, einer Wallfahrtskirche. Er war dort bestimmt freistehend. Die Wallfahrer sind früher rund um den Altar prozessiert“, so Kamm.

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In der Pfarrkirche in Kammern sind viele Kunstwerke zu entdecken. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

Den alte Goldcharakter bei den Altären in Kammern findet der Restaurator besonders schön. „Neu aufgebrachtes Gold scheppert, glänzt und passt nicht. Das alte Gold fügt sich weich in den Bestand ein, weil es einen eigenen Charakter besitzt. Deshalb wird es nur selten erneuert“, erklärt Kamm. Jede Menge Geduld brauchte der Restaurator für den Hochaltar. „Obwohl es nicht viel Fläche ist, habe ich drei Monate daran gearbeitet“, sagt er. Es brauchte Feingefühl für das Objekt, viel Erfahrung. 30 Jahre übt nun Manfred Kamm die Arbeit als Kirchenmaler und Restaurator aus. Gelernt hat er das Handwerk des Kirchenmalers in München und Augsburg. „ Im niederbayerischen Raum, gibt es nicht arg viele Kirchenmaler“, sagt er über seinen Beruf, der das Künstlerische mit dem Handwerk verbindet. „Wir als Kirchenmaler sind Allrounder. Wir machen alles, verputzen, Feinarbeiten, weiseln, Schreinerarbeiten“, erklärt er, „ oder auch Stuckarbeiten und Graumalerei.“ Kamm hat unter anderem auch den Kaisersaal im Speyrer Dom gestaltet, in Kasachstan die Kirche eines österreichischen Ordens erneuert, in Tschechien, Saarbrücken und Österreich gearbeitet und das Papsthaus in Marktl restauriert.Für Manfred Kamm ist es seine tägliche Arbeit, das Grau der Zeit aus Gemälden, Skulpturen und Altären zu entfernen. Die Restaurierung alter Kunstgegenstände und von sakralen Innenräumen ist seine Passion, ebenso sein Interesse an alten Gegenständen. „Da hängt schon Herzblut dran, sonst ist man als Kirchenmaler fehl am Platz“, gesteht er.

Zehn Stunden arbeitet er in Kammern, vier Tage die Woche, abgeschieden von der Welt in der Stille des Kirchenraums, oft alleine mit sich selbst. „ Man braucht für meine Arbeit ganz viel Geduld“, sagt Kamm. Manchmal erhält er Besuch, von Dorfbewohnern aus Kammern und oft auch von Pfarrer Josef Thomys. „Der schaut hin und wieder vorbei, wenn er in der Nähe ist“, erzählt Kamm. Vor einiger Zeit waren zwei ältere Damen in der Kirche, die sich unterhielten: „ Glaubst du, dass unser Kirchenmaler am Sonntag auch noch in die Kirch´ geht, wenn er eh schon die ganze Woche in der Kirche ist“, erzählt Manfred Kamm schmunzelnd von dieser Begebenheit. „Ich bin kein Heiliger, Ich bin ein Durchschnitts- Christ“, sagt er über sich selbst. „Ich besuche nicht jeden Sonntag den Gottesdienst.“ Eines jedoch weiß der Kirchenmaler: beim Pontifikalgottesdienst zur Fertigstellung des Gotteshauses wird er mit dabei sein. Er wird sich in eine Kirchenbank setzen und leise lächeln, weil er es war, der der Pfarrkirche Sank Stephanus wieder ihr altes Gesicht zurückgegeben hat.

 

 

 

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