Der Landauer Trödel-König

Alfons Kelnberger liebt alte Dinge. Seit 30 Jahren organisiert er auf dem Volksfestplatz den Landauer Flohmarkt, so auch am letzten Samstag. Er hat den Markt zu einer Institution gemacht. An den Flohmarkttagen pilgern Hunderte von Besuchern zur Veranstaltung. Seit über 30 Jahren organisiert Flohmarkt-König Alfons Kelnberger den Landauer Trödel-Markt.

Von Andrea Schwarzmeier

Langsam weicht die Nacht. Das erste Morgengrauen zeichnet sein Bild in den dunklen Horizont. Die meisten Menschen der Stadt schlafen friedlich unter ihren Dächern. Nicht so Alfons Kelnberger. Er sitzt auf einem Klappstuhl am Volksfestplatz und wartet. Der kühle Nachtwind treibt ein paar erste gefallenen Blätter vor sich her. Der 77-jährige steht gerne früh auf, an Samstagen, wie den letzten. „ Wenn die Leute auf den Platz fahren, möchte ich jeden einzelnen begrüßen“, sagt er. Und sie kommen früh, die Trödler und Händler, denn wer zu spät kommt, muss an den Rand. Die ersten Fieranten, die zwischen halb vier und fünf Uhr in der früh mit den Schweinwerfern ihrer Autos den Volksfestplatz beleuchten, ziehen wie bei einem Defilier an Kelnberger vorbei. Fensterscheiben werden hinunter gekurbelt: „ Schön, dass du heute da bist“, – für jeden hat Kelnberger ein paar persönliche Worte. „Fahr hier rein, gleich hier hinten“ – der 77-jährige weißt den fahrenden Händlern einen Platz zu.

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Alfons Kelnberger – der König des Trödels. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Von März bis November, oft zwei Mal im Monat, klappen die Menschen bei Tagesanbruch Tapeziertische aus. Aus Kofferräumen, Anhängern oder Kombifahrzeugen wird Trödel, Nippes und Kram ausgeladen, alles, was zu hause nicht mehr gebraucht wird: alte Schallplatten, Klamotten, gelesene Zeitschriften, Briefmarken, selbstgezogene Pflanzen, Omas Porzellan, selbstgefertigte Holzherzen. Aus Anhängern werden Stühle, Holzschränke oder gar Fahrräder abgeladen. Alles, was verkauft werden kann, wird angeschleppt. Möglichst viel soll am heutigen Flohmarkttag verscherbelt werden. „Das Trödeln ist halt eine Leidenschaft“, sagt ein Händler und wischt sich mit der Hand den Schlaf auf den Augen. Die ferne Kirchturmuhr schlägt vier Uhr. Langsam füllt sich der Platz. Voll soll es heute werden. In den 30 Jahren hat sich der Landauer Flohmarkt zu einem Anziehungspunkt entwickelt. Von überall her kommen die Aussteller, sogar aus München, Regensburg, Nürnberg, dem gesamten Bayerischen Wald und aus dem entfernten Belgien. „Wir gehören zu den größten Flohmärkten in Niederbayern“, ist der Organisator Alfons Kelnberger stolz. Dabei hat vor 30 Jahren alles ganz klein angefangen: „Mit nur drei Ständen begannen wir unsere Veranstaltungen“, erinnert sich der Landauer Flohmarkt- König. Angefangen hat für Kelnberger alles mit seinem Faible für alte Krüge und filigrane Rosenkränze. Ausgerüstet mit einem kleinen Tisch machte sich der Landauer vor vielen Jahren auf, um Märkte zu besuchen und tingelte durch die Lande. „Da dachte ich mir, so einen Flohmarkt könnte ich auch in Landau organisieren“, erinnert sich Kelnberger an die Anfänge. Mit dem Volksfestplatz war schnell ein geeigneter Ort gefunden. „Die Stadt Landau hat mir mein Vorhaben genehmigt und so ging es los“, erzählt der 77-jährige. Ganz so leicht, waren jedoch des Anfänge des Landauer Flohmarktes nicht: Anfangs sind auch nur wenige Besucher gekommen. Auch seine Frau Rosemarie, die mittlerweile ihren Mann mit Feuereifer unterstützt, war anfangs von der Leidenschaft ihres Mannes weniger begeistert. Doch mit Zähigkeit und Optimismus packte Alfons Kelnberger seinen großen Traum an – und es hat sich ausgezahlt. Er schrieb Handzettel, befestigte sie bei jedem Flohmarkt in der Gegend hinter den Scheibenwischerblättern der Autos, setzte Inserate in die Zeitung, gab im Internet Infos. „Man darf nie aufgeben“, ist seine Devise. „Meine Frau und ich werden mit meinem Flohmarkt so lange weitermachen, wie es geht“, ist das Vorhaben des Landauers.Seit nunmehr drei Jahrzehnten findet der Besucher, der über den Markt in Landau schlendert vieles: Kitsch und Retro-Schätze. Es ist ein neuer Trend, den Keller oder den Speicher aufzuräumen und Sachen zu verkaufen. Da ist da noch die Nostalgie-Welle: Der alte Wandschrank der Oma ist plötzlich schick. Der alte Schmuck, das Geschirr von Oma ist hippiemässig, Opas Hemd ist der letzte Schrei. „ Es werden immer mehr Wohnungen von älteren Leuten aufgelöst und die Waren am Flohmarkt angeboten“, hat Alfons Kelnberger beobachtet. In den Sommermonaten kämen auch viele Saisonarbeiter, die auf dem Flohmarkt viele Schnäppchen machen wollen, um ihre Schätze dann mit in ihr Heimatland zu nehmen. Im Morgengrauen ist dann auch Alfons Kelnberger über den Platz gestromert und hat ein Schnäppchen gemacht. „Ich habe 30 alte Mostkrüge gekauft“, strahlt er. „ Ich habe schon eine staatliche Sammlung an Krügen daheim“, lacht Kelnberger. Immer wieder findet er auf Flohmärkten ein Stück, mit der er seine Sammlung ausbauen kann. So zieht er selbst den Geldbeutel und wird zum Kunden.

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Gefeilscht und gehandelt wird seit 30 Jahren auf dem Landauer Flohmarkt. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Fünf Stunden später. 8.30 Uhr. Die Menschen ziehen von Stand zu Stand und fragen nach Handys, Kleidung, Uhren, Spielzeug und Computerspielen. Die Kurioitäten-Jäger sind in ihrem Element. Inmitten aller Alfons Kelnberger, der den Flohmarkt vor 30 Jahren ins Leben rief.

Vor 16 Jahren schlug das Schicksal für den König des Trödels hart zu. „Da bin ich auf dem Flohmarktplatz flach gelegen“, sagt er. Ein Schlaganfall hatte ihn ereilt. „Trotzdem habe ich weitergemacht. Es geht immer irgendwie weiter“, meint Kelnberger, der auch im letzten Jahr wegen einer Medikamentenvergiftung lange Zeit ans Bett gefesselt war. Heute geht alles für ihn etwas behutsamer. War er früher jeden Flohmarktsamstag über den Platz gewandert und hat mal hier und mal dort mit den Fieranten geplaudert, manchen Tipp für die Käufer parat gehabt, so sitzt er nun gerne auf seinen hölzernen Klappstuhl unter einem schattenspendenden Sonnenschirm. Hinter dem Stuhl hat er seinen Rollator platziert. Im Korb seiner Gehhilfe liegen Flugblätter mit den Landauer Flohmarktterminen. „Mit meinem Rollator fühle ich mich sicherer beim Gehen“, gesteht der 77-jährige. Seine Rundgänge über den Flohmarkt-Platz sind weniger geworden. Warum er trotz all der Widrigkeiten immer noch den Flohmarkt organisiert? „ Wir sind halt eine große Flohmarkt-Familie. An die 80 Prozent der Händler kommen schon seit Jahren nach Landau. Der Besucherandrang ist auch immer mehr gestiegen. Da muss man doch weitermachen?“ frägt er. 13 Stunden lang ist Kelnberger auch an diesem Samstag unterwegs bei schönen Wetter. Gott sei Dank kein Regen. Der Erfolg eines Flohmarktes ist immer mehr vom Wetter abhängig. Sonne bedeutet guter Verkauf. Bei Regenwetter bleiben die Kunden meistens aus. Egal, ob Regen, Schnee oder Sonne: Der Flohmarkt ist Alfons Welt. Sein Leben. Seine Leidenschaft.

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Trotz Schicksalsschlägen: Alfons Kelnberger gibt seinen Flohmarkt nicht auf. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

„Man muss sich immer wieder hochrappeln“, sagt der 77-jährige ruhig und blinselt mit den Augen. Der Glaube an Gott, so sagt er, habe ihm schon oft im Leben weitergeholfen und eine Aufgabe brauche es im Leben. Seine ist der Flohmarkt, seine 500 Christbäume, die er am Hof pflegt und der Verkauf von Nüssen und der Topaz-Apfelsorte. „Meine Frau Rosemarie hat mit immer geholfen und als ich krank war hat Rosemarie den Flohmarkt gut weitergeführt“, so Kelnberger. Seine Frau erledigt die Buchhaltung, macht Werbung. Ehrenamtliche Helfer sorgen für die Ordnung auf dem Platz. Heute führt Rosemarie Kelnberger die Rauhhaardackeldame Riga durch die Reihen der Flohmarktstände. Sie unterhält sich mit den Standbetreibern, hilft, gibt Auskunft und sieht schon mal nach ihrem Mann: „ Setzt dich wieder hin, damit es dir nicht zu anstrengend wird.“ Als Klenberger schwer erkrankte, fragten viele der Trödler nach ihm, schickten Grüße und auch Geschenke. Die Gemeinschaft der Flohmarkt-Enthusiasten, der Kontakt mit den Menschen, aber auch die Fazination des Trödelmarktes ist es, dass in den 30 Jahren Landauer Flohmarkt viele Freundschaften hat entstehen lassen. „Ich mag den Kontakt mit den Menschen“, gesteht der Flohmarkt-Veranstalter.

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Alfons Kelnberger mit Renate Lauterbach, einer treuen Händlerin. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Alfons Kelnberger sitzt hinter dem Stand von Renate Lauterbach. 1999 baute sie das erste Mal ihren Trödel in Landau auf. „Es ist ein schöner Platz. Wir werden von der Familie Kelnberger gut betreut das Ambiente ist schön und am meisten freut es mich, dass sich unser Alfons nach seiner schweren Krankheit wieder so hochgerappelt hat. Er hat gekämpft und nie aufgegeben“, sagt Renate Lauterbach. Auf ihren Landauer Flohmarkt-König passen die Trödler auf. Renate Lauterbach rückt den Sonnenschirm näher an Alfons Kelnberger heran. „Setzt deinen Hut auf und trink ein paar Schluck Wasser“, fordert sie den 77-jährigen auf. Und Kelnberger tut, wie ihm angewiesen. Er nimmt seinen Strohhut, jenen mit dem schwarzen Band, der an die Kopfbedeckung der Gondolieres in Venedig erinnert. Glücklich lächelnd sieht der Flohmarkt-König dem Treiben auf dem Platz zu. Hier wird gehandelt, gefeilscht, dort ein Stück Glasschale in altes Zeitungspapier eingewickelt, hier werden drei Euro aus dem schwarzen Geldbeutel gefischt, dort unterhalten sich zwei Männer über ein altes Kofferradio. Eine Gruppe Japaner ringt sich um den Stand von Renate Lauterbach. Einer nimmt ein Schwert, das auf ihrer Auslage liegt in die Hand und spricht in seiner Muttersprache. Keiner versteht ein Wort. Alfons Kelnberger hat sich ein stilles Eckchen gesucht, von hier kann er sein Werk besehen. „Wenn du unseren Alfons seinen Flohmarkt nimmst“, sagt Renate Lauterbach und zupft am Hemdkragen des 77-jährigen, „ dann nimmst du ihm sein Leben.“

(Fotos: Andrea Schwarzmeier)

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