Totentanz Zeholfing – Die Vergänglichkeit des Lebens

Der Tod von Zeholfing: eine Allegorie der Vergänglichkeit alles irdischen Lebens stellt die Darstellung eines barocken Totentanzes in der Pfarrkirche St. Laurentius in Zeholfing dar. Dieser Totentanz hat aufgrund seiner Seltenheit überregionale Bedeutung und ist einzigartig in der Region.

Von Andrea Schwarzmeier

Zeholfing. In Zeholfing gibt es ein nahezu seltenes Meisterwerk zu entdecken. Der Totentanz in der Pfarrkirche Sankt Laurentius bietet ein makabres Ensemble: Totenschädel, der Sensenmann, sowie der alles Leben verschlingende Leviatan, der sein Maul in der Gestalt eines Affen mit seinen scharfen Zähnen aufreißt und wie einem Hölllenschlund den Teufeln und seinen Helfern Tor und Tür öffnet. In Mittelpunkt der Szenerie befindet sich die Heilige Dreifaltigkeit, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, sowie die Gottesmutter Maria. Ihnen zu Füßen ist der Kirchenpatron, der heilige Laurentius mit einem Gitterrost abgebildet.

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Der heilige Laurentius, der Kirchenpatron, ist mit einem Gitterrost dargestellt ein Motiv des Zeholfinger Totentanzes. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

Der Zeholfinger Totentanz ist in seiner Originalität einzigartig. Elegante Knochenmänner schwingen ihre bleichen Gebeine oder grübeln über den Sinn des Lebens nach. Ölbilder stellen den Tod mit Vertretern geistlicher und weltlicher Berufe dar. Das Werk, das von einem unbekannten Künstler geschaffen wurde, greift Motive aus der Bilderwelt barocker Totenbruderschaften auf. So wird der Tod auch zum Sinnbild für die Gesellschaft. Die dem Totenreigen unterstellte Ausweglosigkeit, als auch die Sehnsucht nach Erlösung – diese Themen finden sich im Zeholfinger Totentanz dargestellt. Die Macht des Todes über das Leben der Menschen – „Sagt Ja Sagt Nein, Getanzt Muess sein.“

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Der barocke Totentanz in der Zeholfinger Pfarrkirche St. Laurentius ist ein seltenes kunsthistorisches Kleinod. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Die Geschichte des Totentanzes beginn im Mittelalter. In mittelalterlichen Sagen wird darüber berichtet, dass Menschen nachts ihren Verstorbenen begegnen, gemeinsam essen, singen, musizieren und tanzen. Der Mensch des Mittelalters stellte sich das Jenseits als fröhliche Fortsetzung des Lebens vor und sorgte dafür, das es seinen Verstorbenen Angehörigen an nichts fehlte. So wurden im Mittelalter an bestimmten Tagen die Gräber aufgesucht und die Lebenden feierten das Andenken an die Toten mit rituellen Gaben und Zeremonien. Die Vorstellung des Totengeleits wurde aus der Antike übernommen. Der Tod, als Spielmann, verführt die Lebenden zum Tanz. Doch alles ist den Tanzenden gleich: sie wollen nicht tanzen.

Die Pest, der schwarze Tod, kann als endgültiger Auslöser für die Entstehung der Totentänze gesehen werden. Etwa ein Drittel der europäischen Bevölkerung starb in den Jahren von 1347 bis 1353 an den Folgen des „Schwarzen Todes“ und an Unterernährung. In dieser Zeit kam es an verschiedenen Orten in Europa zur „Tanzwut.“ Die Menschen versuchten mit einer exzessiven Vergnügungssucht den Schwingen des Gevatter Tod zu entgehen. Auch in unserer Heimat gibt es Sebastiani-Bruderschaften, die die Pest auch in unserer Gegend bezeugen.

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Der große Gleichmacher Tod ist für alle Menschen, egal ob Bürger, Bauer, Jung oder Alt, Gewissheit. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

Die Idee des Todes hatte auf die Phantasie der Menschen des Mittelalters einen großen Einfluss gehabt. Die Nichtigkeit des Daseins und die Allmacht des Todes, der in einem Triumphzug am Ende mit seiner Sense alles niedermäht, Papst, Fürsten, Damen, Arm und Reich – der letzte Tanz gehört dem Tod, so flehentlich und bittend die Menschen auch die Hände ausstrecken. Im 14. Jahrhundert war diese Alleinherrschaft des Todes über das Leben in Vorstellungen eines Tanzes ausgedrückt worden. Totentänze wird eine stabilisierende Funktion für die mittelalterliche Ständegesellschaft zugeschrieben, weil sie auf eine Gerechtigkeit nach dem Leben verweisen. Zudem riefen Totentänze zu einem gottgefälligen Leben auf, den am Ende wartet auf alle Menschen das Jüngste Gericht. Himmel, Hölle oder Fegefeuer – für jede Sünde muss gebüßt werden.

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Der letzte Tanz gehört allein nur mir! – Der Tod von Zeholfing. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

Um der Bevölkerung diesen religiöse Aspekt zu vermitteln wurden durch eindringliche Bilder und einfachen Texten Totentänze an Kirchen- und Klostermauern, auf Friedhöfen und in Kreuzgängen dargestellt. Diese Totentänze riefen zu einem sündenfreien Leben auf und erinnerten an die gottgegebene Ordnung. Im Tanz fordert der Tod die Lebenden auf und proklamiert seine Herrschaft über die ganze Welt. Das Motiv des Tanzes drückt die Ambivalenz zwischen Lebenslust und Todesangst aus und beschreibt die Gradwanderung des Lebens. Schließlich ruft der Tod alle Stände, alle Altersklassen und stößt die Menschen ins Grab. Jeder – keiner entkommt seiner letzten Stunde.

Wann genau der Tod im Mittelalter zu tanzen anfing, ist nicht mehr nachzuweisen. Viele Totentanz-Darstellungen gingen im Laufe der Zeit unwiederbringlich verloren. Der Bilderbogen des Todes wurde in der Pfarrkirche Sankt Laurentius bei der Innenrenovierung 2000/2001 entdeckt. Arbeiter Arbeiter der Firma Bruno Fromm aus Parsberg fanden im Vorhaus der Pfarrkirche Fresken, die sich nur wenige Millimeter unter dem Kalkverputz erhalten hatten. Ein barocker Totentanz kam zum Vorschein, der von überregionaler Bedeutung ist. Nach Retuschearbeiten erstrahlt er wieder in seiner ursprünglichen Pracht.

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Gottesmutter Maria, Gott Sohn und Gott Vater im Mittelpunkt des Zeholfinger Totentanzes. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

Im kreisrunden Fresko an der Decke des Vorbaus ist die heiligste Dreifaltigkeit mit der Mutter Gottes dargestellt. Das Fresko ist in den Farben rot und gelb gehalten. Gott Vater hält in seiner linken Hand das Zepter und in hat seine rechte Hand zum Segensgruß erhoben. Christus hält zum Zeichen des Triumphs über den Tod das Kreuz. Der Heilige Geist schwebt in der Gestalt einer weißen Taube zu Füßen der Dreifaltigkeit. Zur Gruppe gehört die Muttergottes. Maria ist mit einem roten Untergewand und einem blau schimmernden Obergewand bekleidet. Umgeben ist diese himmlische Szene von vier Engeln und sieben Putten.

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Engel und Putten begleiten die Szenen des Totentanzes. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

Unter der Darstellung von Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist mit der Gottesmutter Marie kniet der Erzdiakon Laurentius, der Patron der Kirche. Der Gitterrost auf dem er über dem Feuer den Märtyrertod fand, liegt zu seinen Füßen. Mit seiner linken Hand zieht Laurentius eine arme Seele aus dem Fegefeuer und bittet für sie bei Gott um Erbarmen. Unterstützt wird Laurentius, der Fürsprecher der Pfarrgemeinde Zeholfing, in diesem Tun von einem Engel in weißem Gewand. Der Engel führt ebenfalls die Seelen aus dem Fegefeuer heraus und bringt sie vor das Jüngste Gericht.

Rund um dieses Bildnis finden sich verschiedenen Szenen des Totentanzes. Ein Totentanz ist eine meist von Versen begleitete mittelalterlich-barocke Darstellung von mit der Gestalt des Todes gepaarten Ständepersonen in Tanz- und Reigenhaltung. Durch apokalyptische Szenen ergänzt wird das Motiv des Totentanzes auf den personifizierten Tod als Sieger über das Leben der Menschen übertragen. Diese Aspekte kommen auch beim Totentanz in Zeholfing vor. So zeigt der barocke Totentanz in der Pfarrkirche St. Laurentius drei Bilder vom tanzenden Tod. In einer Szene hält der Tod seine Sense in der rechten Hand, das Stundenglas in seiner Linken. Er ruht sich auf einer Totenkiste aus, um zu überlegen, wer sein nächstes Opfer sei. Vor ihm, den Tod, sind alle Stände und Menschen gleicht. Dies zeigt ein Reigen von Totenschädeln über dem östlichen Kircheneingang. Auf den Totenköpfen befinden sich die Aufschriften: Papst, Kaiser, König, Fürst, Frau, Freiherr, Bürger Bauer die die Bezeichnungen: reich, arm, alt, jung. Kind.

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Der Tod ruht sich auf einer Kiste aus. In seinen Händen hält er die Sense und ein Stundenglas. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

Eine weitere Tanzszene zeigt den Tod mit der Sense, wie er eine Haustüre einschlägt. Über dieser Tür ist ein Spruchband zu lesen: „Es ist nun Zeit, mach dich bereit.“ Eine dritte Darstellung zeigt den Schnitter mit der Sense in der Hand vor einem Haus. An der Hauswand ist eine Uhr befestigt. Der Tod greift mit seiner rechten Hand deutend auf das Zifferblatt und scheint die Uhr, die keine Zeiger besitzt, anzuhalten und damit die Lebenszeit dessen, der in diesem Haus wohnt. Über der Uhr ist auf einem Schriftband zu lesen: „auf diesen eine wird sein die deine“ – Ein Spruch, der symbolisieren soll, wie schnell die Zeit verrinnt.

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Der Tod mit der Lebensuhr. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

Neben den Totentanzmotiven finden sich auch apokalyptische Darstellungen. Da ist der alles Leben verschlingende Leviatan zu sehen, der sein Maul in der Gestalt eines Affen mit seinen scharfen Zähnen aufreißt und wie einem Höllenschlund dem Teufeln und seinen Helfern Tor und Tür öffnet, damit sie die bösen Menschen in das nie erlöschende Feuer werfen.

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Die Gräber werden geöffnet zum Jüngsten Gericht. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

Auf einer weitern Darstellung thront Christus im Himmel. Eine Gestalt mit einem Kreuz in der Hand öffnet die Gräber. Aus diesen Gräbern steigen die Toten empor. Die guten Menschen werden zu Christus in die Herrlichkeit geführt, die bösen Menschen aber werden vom Teufeln in den Schlund des sei Maul weit aufreißenden Leviatan geworfen. Auf einem weiteren Bild ist zu sehen, wie Menschen, wie ein Pfarrer, Frauen, ein Mönch zur heiligsten Dreifaltigkeit empor getragen werden.

In einen kleinen Freskenausschnitt wird dem Gottesdienstbesucher beim Verlassen der Kirche noch einmal das Ziel seines Lebensweges auf Erden aufgezeigt, in der Darstellung des himmlischen Jerusalems, in der einst die Menschen, die auf Erden gutes Getan haben in der Gegenwart Gottes und in seiner Herrlichkeit das ewige Leben erwartet.

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Gottesgefällige Menschen erwartet nach ihrem Tod die Herrlichkeit des himmlischen Jerusalems. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

Als ursprüngliche Schöpfer des Totentanzes im deutschen Raum werden Dominikaner-Prediger vermutet, die als Seelsorger in einer Zeit der Angst vor dem Tode den Totentanz in den Dienst ihrer Bußpredigten stellten. Hinsichtlich der Entstehung der Totentänze ist vieles bis heute ungeklärt geblieben, sicher ist aber, daß die Pest, die ganze Dörfer ausrottete, eine große Rolle spielte.

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Im Höllenschlund des Leviatan wartet das ewige Feuer. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

So entstanden die meisten Totentanzdarstellungen nach Pestjahren, wie auch der berühmte Basler Totentanz, der nach dem besonders schlimmen Pestjahr 1439 gemalt wurde. Der Basler Totentanz ist um 1440 entstanden und gehört zur oberdeutschen Linie der Totentänze. Er ist der berühmteste monumentale Totentanz des deutschsprachigen Raums. Der älteste erhaltene Totentanz Bayerns ist der „Füssener Totentanz“ in der St.-Anna Kapelle des einstigen Benediktinerklosters Sankt Mang im Bayerischen Füssen. Weitere Totentänze gibt es in Lübeck, Luzern und Wien.

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Der Totentanz von Zeholfing bezeugt ein Stück alte Kulturgeschichte. (Foto: Helmut Schwarzmeier)

Darstellungen über den großen Gleichmacher, den tanzenden Tod, gibt es im europäischen Raum, aber auch in Lateinamerika oder im Himalaja. Auch der Zeholfinger Totentanz reiht sich ein in ein Stück alte Kulturgeschichte. Der Zeholfinger Tod mahnt auch heute die Menschen ihre Lebenszeit zu nutzen, denn: der letzte Tanz gehört allein nur dem Tod.

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