Horror und Unheimliche Phantastik: Autor Thomas Karg packt das Grauen zwischen zwei Buckdeckeln

Was ist das wohl für ein Mensch, der mit den tiefsten Ängsten seiner Leser spielt und das pure Grauen, die tiefsten Abgründe der Menschheit, das Reich der dunklen Mächte zwischen zwei Buchdeckeln packt? Dabei ist der 23-jährige Blondschopf Thomas Karg alles andere als schaurig. Der lebenslustige, humorvolle und unterhaltsame Zeholfinger schreibt seit 2008 Kurzgeschichten, die dem Genre Horror und Unheimliche Phantastik zuzuordnen sind.

Von Andrea Schwarzmeier

Zeholfing. Drei der Bücher, in denen Karg Erzählungen veröffentlicht hat, wurden mit dem Vincent-Preis, dem deutschen Horror-Award in der Rubrik beste Anthologie ausgezeichnet: 2014 gewann die Anthologie „Dunkle Stunden“ der Herausgeber Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser den 5. Preis, 2015 wurde die Anthologie „Zombie Zone Germany“, die im Amrun Verlag erschienen ist gekürt, sowie das Buch „Fleisch 3“ aus dem Eldur Verlag. Geschichten wie „Menschenjagd“ oder „Das Gegenteil von Perfektion“, letztere hat Karg gemeinsam mit seiner Freundin Vanessa Kaiser veröffentlicht, sind in diesen Anthologien zu finden.

An einem Sommernachmittag im Jahr 2008 setzte sich Thomas Karg an den Schreibtisch und schrieb seine erste Geschichte. Vier Jahre lang brachte er seine Gedanken im stillen Kämmerlein zu Papier, dann hat er es gewagt, seine Geschichten bei Schreib-Wettbewerben einzureichen. Nun sind schon einige seiner literarischen Werke in Sammlungen erschienen, die mit dem Vincent Preis, dem deutschen Horrorliteraturpreis ausgezeichnet worden, der beim Marburg Con verliehen wird. Angefangen hat das Schreiben für den Zeholfinger eigentlich beim Zeichnen von Comic-Geschichten. „ Als Schüler in der sechsten Klasse bekam ich von einem Lehrer die Aufgabe, Comics zu zeichnen“, erzählt der Autor. So setzte sich Karg auf seinen Hosenboden und zeichnete. „Ganz unbeholfen, erfand ich dabei meine ersten Kurzgeschichten“, erinnert sich Karg an seine kreativen Anfängen. So begann er, sich zum Zeitvertreib Geschichten auszudenken. Sein erster Text war eine Splatter-Geschichte, ein Text also, in dem die Darstellung von exzessiver Gewalt und Blut im Vordergrund steht. „Es war eine Geschichte wie aus einem typischen Teenager-Horrorfilm. Fünf Leute fahren mit dem Auto irgendwo hin, das Auto bleibt stehen und es passiert etwas“, erzählt der Zeholfinger von seinem ersten literarischen Werk, in dem buchstäblich das Blut spritzt. Hier spielt Karg mit dem Gefühl des Ekels sowie dem blutrünstigen und brutalen Horror. „ Zum Horror hat jeder Mensch eine andere Affinität“, glaubt der Autor. Im übrigen ist Horror nicht gleich Horror: „Es gibt subtilen Horror a la Edgar Allan Poe und Lovecraft. Eine weitere Facette von Horror ist jene von Steven King, perverserer Horror ist jener, wie Edward Lee ihn schreibt“, erklärt der Autor. Ob blinde Zerstörungswut, Vampire, Zombies, klassischer Horror, Geschichten mit realistischem Gehalt: „Es macht Spaß, die unterschiedlichen Möglichkeiten auszuschöpfen“, bestätigt Karg.

DSC_4148
Thomas Karg hat seine Geschichten schon in mehreren Anthologien veröffentlicht.(Foto: Andrea Schwarzmeier)

Seine Ideen für seine Geschichten entstehen auf unterschiedliche Weise. „Manchmal beginne ich mit dem Schreiben, dann entwickelt sich daraus etwas. Ich plotte es durch und schaue, ob es funktioniert“, erzählt der 23-jährige vom Schaffensprozess. Manchmal habe er für einen Text auch ein gutes Ende im Kopf. „Dann baue ich die Geschichte um dieses Ende herum“, erzählt Karg. Dann wieder hat er Ideen für den Anfang, ohne schon das Ende der Geschichte zu kennen. Es seien unterschiedliche Dinge und Einflüsse, die zusammenspielen, bis sich eine Idee für eine Erzählung entwickelt. „Die Ideen fallen wie vom Baum und treffen dich“, lacht der 23-jährige. Karg verfasst ungefähr eine Kurzgeschichte pro Monat. Der Autor baut seine Geschichten unterschiedlich auf. Gelegentlich leben seine Geschichten von den unterschiedlichen Charakteren, zwischendrin von einem besonderen Ort oder einer außergewöhnlichen Atmosphäre. „Manchmal entdecke ich im Internet auch Ausschreibungen, an denen ich mich mit meinen Geschichten beteiligen kann. In diesem Falle habe ich ein Thema für die Story vorgegeben“, erklärt der Zeholfinger. So war es auch bei der fantastisch schaurigen Hochzeitsanthologie: „Verliebt, verlobt…“, die im MTM-Verlag erschien. Geschichten von schönsten Tag im Leben eines Paares, Geschichten, die mystisch, gruselig oder schockierend sind, sind darin gesammelt. „Hier habe ich die Klischees, die mit einer Hochzeit verbunden sind, über den Haufen geworfen“, lacht Thomas Karg, der sich schmunzelnd daran erinnert, dass er, der in der Schule in Deutsch die Note vier hatte, nun Geschichten in Büchern veröffentlicht. So machte sich Thomas Karg unter anderem

gemeinsam mit 58 anderen Autoren auf die Fersen eines großen Meisters des Grusels und des Unheimlichen.„Das Haus am Ende des Weges – Auf den Spuren von Edgar Allan Poe“, ein Taschenbuch, das im Schweizerhaus Verlag erschienen ist, enthält Kargs Erstveröffentlichung mit dem Titel: „Der Spiegel der Seele.“ Die Geschichte erzählt von einer Schulklasse, die auf Schullandheimfahrt ist. Ein Mitschüler verschwindet bei einer Mutprobe. „Bei dieser Geschichte kann der Leser seine Phantasie spielen lassen,“ verrät der Autor. In einer weiteren Kurzgeschichte mit dem Titel: „Die Traumfrau“ schreibt Karg über einen Versager, der seine Traumfrau auf der Couch sitzen hat und sich tapsig anstellt, beim Versuch ihr zu zeigen, wie sehr er sie mag.

Kargs vierte Veröffentlichung ist eine Geschichte, die nichts mit Horror, der Dunkelheit, den Kreaturen der Finsternis, Untoten und blutgierigen Wesen zu tun hat. Karg schreibt über die Freundschaft in dem Buch des Schweizerhaus Verlags: „Nichts als Lügen“. Gesammelt sind in dem Buch Storys, in denen garantiert nicht gelogen wird. Oder doch? In „Freundschaft Minus“ schreibt der Autor über ein Gespräch eines Paares, dessen Beziehung vorbei ist.

„Und alles nur, weil ich anders bin“ , ist der Titel des im MTM-Verlag Anfang 2015 erschienenen Buches. „Alles Spinnerei“ ist die darin enthaltene Geschichte von Thomas Karg, in der er eine Person aus der Ich-Perspektive rätseln lässt, warum es ihr schlecht geht. „ Darin beschreibe ich den psychischen Alltagshorror ohne phantastische Elemente.“

Die wichtigste und zugleich „Lieblingsveröffentlichung“, wie Karg sagt, ist die Geschichte: „Endlich frei“, die im Buch „Dunkle Stunden“, von Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser im Verlag Torsten Low herausgegeben wurde. Darin gesammelt sind 25 Geschichten, an die sich der Leser mit einem angenehmen Schauer im Nacken erinnert. „Endlich frei“ ist der Beitrag des Zeholfingers zu dieser Anthologie. Karg lässt ein menschliches Schlachtvieh erzählen. Originell wird die Massentierhaltung durch die Vermenschlichung der Opfer dargestellt. „Ich beschrieb den ganz normalen Schlachthaushorror, der Bestandteil unseres Alltags ist. Bei jedem Päckchen Wurst, das man kauft, kann dies im Hintergrund passieren“, erklärt Karg seine Intention zu dieser Story.

Durch diese Veröffentlichung konnte der Zeholfinger viele Kontakte zu anderen Autoren der Szene knüpfen, wie zu Thomas Lohwasser, Tom Daut, Markus K. Korb. „Es macht einfach Spaß, sich auszutauschen“, sagt Karg. Doch es hat noch einen anderen Grund, warum die Erzählung: „Endlich frei“ zu seinen Favoriten gehört. Durch sie hat er seine Freundin Vanessa Kaiser kennengelernt. Unter dem Pseudonym „Jo van Karkas“ veröffentlichte Karg gemeinsam mit Vanessa Kaiser in der Anthologie „Fleisch 3 .“ Das Gemeinschaftsprojekt: „Das Gegenteil von Perfektion“ ist eine Reise in die Welt des Grauens und der Finsternis, die Erforschung menschlicher Abgründe und jener Dämonen, die die triebhafte Natur des Menschen seit jeher genährt haben. In ihrer gemeinsamen Geschichte erzählen Karg und Kaiser von einem Brüderpaar, der eine ein Totenpräperator von Tieren, der andere ein Sodomist. Was kann da anderes als nervenaufreibender Grusel herauskommen? Wenn dann die Buchstaben auf das Papier gebracht wurden, freut sich das Paar, das nicht nur miteinander an Geschichten schreibt, sondern auch das Leben miteinander teilt.

has Karg 1
Vanessa Kaiser und Thomas Karg schreiben Geschichten, die dem Genre Horror und Unheimliche Phantastik zuzuordnen sind. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

„Menschenjagd“ in dem von der Außenwelt abgeschlossenen Deutschland. Für die Anthologie „Zombie Zone Germany“ erdachte sich der 23-jährige eine Story, die von den Folgen des Überlebenskampfes gezeichneten Menschen und von der damit verbundenen Veränderungen der Persönlichkeit handelt. Wie Heuschreckenschwärme kamen die Zombies über Nacht. Ihr Hunger war unstillbar. „Es war die Aufgabe innerhalb dieses Kosmos eine Geschichte zu erzählen“, sagt Karg zu dieser Veröffentlichung. In dieser Anthologie, die mit dem Vincent-Preis ausgezeichnet wurde, finden sich 21 Kurzgeschichten. Ebenfalls hat der Zeholfinger eine Geschichte über einen schwarzen Pharao veröffentlicht, der die Welt verändert und die Menschen paralysiert. Sie ist erschienen im Sonderband zum Marburg-Award 2016.

Karg schreibt über die Schattenseite der menschlichen Seele, über Horror, die Kreaturen der Finsternis und zaubert dabei den Lesern wohlige Gänsehaut auf den Rücken. Mit dem Schreiben hat sich der Zeholfinger nicht nur den Traum erfüllt, seine Kreativität ausleben zu können, er hat zudem auch seine Liebe des Lebens gefunden. Vanessa Kaiser, die 470 Kilometer entfernt in Gießen lebt und ebenfalls Horror- und Phantastikgeschichten schreibt. Die Fahrlehrerin gewann mit ihrer Geschichte: „Der letzte Gast“ 2014 den Deutschen Phantastik-Preis und beim Vincent-Preis wurde die Erzählung auf Platz 5 gewertet. Wenn dann Thomas Karg und Vanessa Kaiser beisammen sind, wird viel gelacht, gefachsimpelt und über neuen Geschichtenideen gebrütet. Ein neues Ziel haben die beiden: Gemeinsam mit einem weiteren Autor wollen sie einen Psychothriller-Roman schreiben.

(Foto: Andrea Schwarzmeier)

 

 

 

2 Kommentare

  1. Wolfgang Eppler

    Sehr geehrte Frau Kaiser und Herr Karg
    Meine Frage? Sind ihre Geschichten z.B. Endlich frei, auch einzeln zu beziehen oder nur immer im Buch.
    Vielen Dank Wolfgang Eppler

    Antworten
    1. Sehr geehrter Herr Eppler,

      die Geschichten sind jeweils in den genannten Anthologien zu finden, leider nicht einzeln zu beziehen.

      2017 erschien meine erste eigene Kurzgeschichtensammlung “Fest der Geier und andere verstörende Geschichten” (erhältlich bei Amazon), darin sind sechs ganz neue Geschichten und vier in besagten Anthologien veröffentlichte (unter anderem auch “Endlich frei”, die für die Sammlung in “Massenmenschenhaltung” umbenannt wurde).

      Dazu wird voraussichtlich Ende 2018 eine gemeinsame Sammlung von Thomas Karg, Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser erscheinen.

      Liebe Grüße
      Thomas Karg

      Antworten

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.