Vor dem Urlaub hat der Herrgott das Warten gesetzt

Was ist so schön an einer vollen Autobahn, dass wir unseren Urlaub darauf verbringen wollen? Auf unserem Weg in unsere Sommerheimat, kurz vor dem Karawankentunnel, ist es dann geschehen: Nichts geht mehr. Ein Stau, das klingt doch nach einer Erfahrung, die man unbedingt gemacht haben muss.

Von Andrea Schwarzmeier

Sammy nimmt es locker, schreitet heraus aus seiner Autobox und pinkelt erst mal gepflegt gegen die Leitblanke. Wann, wenn nicht bei einem Stau ist dies sonst für Hund möglich? Autobahnen sind für mich immer ein Übel. Ich liebe es wenig, wenn Helmut das Gaspedal durchdrückt und ich, ohne in das Fahrgeschehen eingreifen zu können, am Beifahrersitz throne und meine Füße schon das Bodenblech halb durchgedrückt haben. Doch nun dies: Aus ist es mit der Freiheit. Wir stehen im Stau.

Stau 3
Super! Wir stehen im Stau! (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Es ist wie ein großer Parkplatz auf drei Straßenspuren. Die Reisenden nutzen die Zeit, reißen die Autotüren auf und springen in die dieselgeschwängerte Luft.  Ein LkW-Fahrer lehnt sich gegen sein Vehikel. Vor uns parkt ein Wohnwagen. Frauen verschwinden zum Pinkeln in den Wäldern, Männer strecken ihre eingeschlafenen Arme gen Horizont, ein Halbwüchsiger rennt mit seinem  Terrier wie verrückt hin und her. Und so nebenbei kommen wir ins Gespräch mit den Münchnern, die hinter uns ihren BMW parken, mit den Kölnern, die vor uns ihren Kia platziert haben. Im Augenblick kommen sogar Schnecken schneller voran, als wir jetzt, denn wir stehen: Nichts geht mehr. Also packe ich einen Apfel, reiche den besten Ehemann von allen ein paar Kekse, Semmeln oder Brötchen – auch für unseren Staunachbarn habe ich ein paar kulinarische Köstlichkeiten parat. Vielleicht ein paar Salzstangen gefällig? Fehlt gerade noch, dass auf der dreispurigen Autobahn jemand den Grill einheizt oder beginnt Modeschmuck auf der Fahrbahn zu verkaufen.

Stau 5
Sammy nutzt den Stau, um ein Schälchen voll Wasser zu nehmen. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Was man so alles auf einer Autobahn erleben kann. Es ist übrigens unser und Sammys erster Stau. So etwas ist uns in unserem Leben noch nie passiert. Niemand hupt, niemand drängelt, nichts passiert. Wir stehen mitten auf der Autobahn. Gähnende Langeweile. Doch irgendwie ganz interessant. Wenn ich so als Beifahrer im Auto sitze, dann sehe ich oft nur schemenhaft Leute, die hinter anderen Lenkrädern sitzen, weil Helmut, mein Ehemann auf dem Asphalt dahinflitzt, damit wir möglichst schnell unser Ziel erreichen. Doch nun wird meine Neugierde befriedigt. Menschen gucken ist angesagt: Eine Frau in Motorradtracht geht vorbei, hier spielen Kinder mit iPads. Dort steht ein Mann mit Tattoos, daneben eine Kettenraucherin, ein gestriegelter Mann im Anzug lockert seine Krawatte. Hier baumeln Duftbäume im Duft der Autoabgase, dort lehnt ein Mann seinen Ellbogen aus dem Fenster, hier surrt eine Klimaanlage. Für das Urlaubsgefühl wirkt so ein Stau geradezu wie ein Türöffner. Staubige Standstreifen und dem herumwehenden Duft von Leberwurstsemmeln. Herrlich! Erfahrene Autoreisende sollen ja die Staus zum Stressabbau nutzen. Emotionen werden mit einem Biss ins Lenkrad in ruhige Bahnen gelenkt. Der Stau erzwingt Mußestunden, die der Mensch im Dunstkreis der Auspuffgase verbringt.

Stau
Im Dunst der Auspuffgase den Urlaub beginnen. Einfach grandios! (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Langeweile im Stau muss auch nicht sein. Hund Sammy jagt einem anderen Hund hinterher, während Helmut und ich die geübte Stausteher nachahmen und uns im kollektiven Gleichmut üben: Raus also mit der Thermoskanne. Jede Wartezeit kann durch ein Tässchen Kaffee verkürzt werden. Wir teilen unsere Buttersemmeln und unsere Bananen und holen uns dabei schon die ersten Tipps für unseren Urlaubsaufenthalt und knüpfen die ersten Bekanntschaften. Wir genießen ein wunderschönes Urlaubs-Feeling mit gratis Hupkonzerten. So ein Stau ist ein Gnadenakt, ein Lebensgefühl.  Es kommt auf das Unterwegssein an, pardon auf den Zwangsaufenthalt. Was kann schöner sein, als so eingeklemmt zwischen qualmenden Lastwägen und Stoßstangenblech der Lageweile zu frönen?  Ein unvergesslicher erster Urlaubshöhepunkt. Warum gibt es eigentlich noch keine Ansichtskarte von dem Stau vor dem Karawankentunnel? Wir checken noch schnell Ölstand, Batterie sowie den Getränkevorrat an Bord. Wenn wir Glück haben stehen wir noch kilometerlang im Stau. Doch dann wird es geschäftig. Menschen springen in ihre Blechkisten, drehen den Schlüssel im Zündschloss und weiter geht´s. Also: Auf in den nächsten guten Stau!

(Fotos: Andrea Schwarzmeier)

3 Kommentare

  1. Henrik Tixier

    Hallo Ihr Beiden!
    wünschen euch einen Schönen Entspannten Urlaub!
    Helmut hat ja die passende Hose für die Autobahn an bloß die Reflexstreifen hat er vergessen!
    Freizeitpark Autobahn!
    Grüße
    Henrik

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    1. dorflady Autor

      Hallo Henrik, werde das nächste Mal, wenn wir mit dem Auto in den Urlaub starten darauf achten, dass Helmut die Reflexstreifen mit dabei hat. Wird jedoch noch eine Weile dauern, bis wir wieder „on the road“ sind. Viele Grüße! Andrea

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