Welche Träume hält das Leben noch bereit?

An ein gutes Leben hatte ich immer den Anspruch, dass es voller Glück, Erfolg, Liebe und Gesundheit ist. Doch das war dumm und tollkühn. Mein Anspruch, ein schönes Leben ohne Krankheit, Verlust oder Unglück führen zu wollen, war unverschämt. Irgendwann wird jeder auf die Schattenseite katapultiert, manchmal von einem Augenblick auf den anderen. Dann ist nichts mehr, wie es vorher war.

Von Andrea Schwarzmeier

Doch wir sind nicht nur unser Glück, unser Erfolg, unsere Liebe. Wir sind auch unsere Krankheiten, unsere Misserfolge, unsere Verluste, unsere Ängste. Irgendwie habe ich bisher immer sorglos gelebt, unbeschwert und auf leichtem Fuß, – mindestens meistens – bis sich eine Krankheit in meinen Körper eingeschlichen hat. Und ich hatte das Glück der Davongekommenen. Alles, nein, das meiste wurde bis jetzt einigermaßen wieder gut. Doch ohne diesen Einschnitt in mein Leben, wäre ich heute vermutlich ein anderer Mensch. Oder vielleicht nicht?

Irgendwann vergisst man den ungeheuerlichen Kraftaufwand, den es gekostet hat, wieder ein paar Schritte gehen zu können, wie es ist, weniger Schmerzen zu haben, das Glück zu erleben, wenn wieder eine meiner drei Katzen auf meinem Bauch liegt, ohne dass ich dabei Qualen leide und auch die Freude, dass ich meinen Alltag wieder einigermaßen bewältigen kann. Wie gut es tat, wenn unser Australian Shepard Sammy seine Schnauze auf meine Bettdecke legte und mich mit seinen intelligenten braunen Augen ansah und mein allerbester Ehemann sagte: „Alles wird wieder gut.“

Nein, alles ist noch nicht vorbei und gut. Beileibe nicht. Doch ich bin froh, dass ich mir wieder den frischen Wind um die Nase blasen lassen kann. Dieses Gefühl, irgendwie nicht mehr ganz so wie vorher im eigenen Körper beheimatet zu sein, manche schlaflosen Nächte in denen man sich endlos in den Kissen herumwälzt und über verlorene Gelegenheiten nachtrauert, über das wenn und hätte – und dieses Gefühl der Endlichkeit hat sich irgendwie seither in jede Pore eingegraben.

Wie viele Sommer noch? Wie viel Male noch einen Sonnenuntergang am Meer erleben?  Wie oft noch mit lieben Freunden in der Küche stehen und eine Kürbislasagne kochen? Alles gibt es nur eine bestimmte Anzahl von Malen, obwohl wir glauben, alles sei unendlich. Dieses Gefühl, dass irgendwann einmal alles vorbei sein wird, macht traurig – und vor allem dieses Wissen, dass ich mir manch einen meiner Träume wohl nie mehr in diesem Leben erfüllen kann. Irgendwie fühle ich mich dadurch betrogen und leer. Diese Leichtigkeit des Daseins ging irgendwie ein bisschen verloren. Manches, für das ich bisher kämpfte ist so sinnlos geworden.

Jetzt, in meinen besten Jahren, kam diese Prüfung. Doch ich bin erleichtert, dass ich diejenige war, die die Prüfung traf. Nicht auszudenken, hätte es meinen Mann oder jemand anderen getroffen, den ich liebe. Obwohl dies zuweilen auch geschieht und obwohl zuweilen auch jene, die ich liebe und schätze, nicht so gut davonkommen, wie ich es tat. Und dies schmerzt. Es schmerzt unendlich und ist manchmal gar nicht auszuhalten.

Doch irgendwann habe ich wieder angefangen, mit dem Leben zu tanzen. Den ersten Tanz mit meinem Mann, auch den zweiten, dann den dritten mit einem lieben Freund. Auch wenn ich mich danach wieder ausruhen musste – was mir früher noch nie passiert ist – da tanzte ich durch die ganze, lange Sternennacht.

Und was ich nun weiß? Das war wirklich zählt sind Familie und Freunde. Menschen, um mich herum, die mir guttun. Die Zeit ist zu kostbar geworden, um sie mit Leuten zu verbringen, die Dinge wertschätzen, die mir nichts bedeuten. Da gibt es Freunde, die mir treu geblieben sind, von gemeinsamen früheren Orten, meine Freundin Gerlinde beispielsweise, mit der ich die Schulbank drückte, oder Silvia, die viele meiner Epochen im Leben begleitete und meine Wurzeln und meine Familie kennt, meine Freundin Renate, die trotz der Entfernung über den großen Ozean hinweg,  immer für mich da ist und wir, obwohl wir auf zwei verschiedenen Kontinenten und völlig verschiedenen Leben leben und uns selten sehen, bei jedem Telefonat da anknüpfen können, wo wir aufgehört haben, ohne das sich der Hauch einer Entfremdung eingeschlichen hätte. Freundschaften sind ein kostbares Geschenk.

Manchmal bedeutet Leben das trotzdem, denn das Leben da draußen ist nicht leer, erstarrt, stumm, kalt oder leer. Das Leben ist lebendig, voller Chancen, Glück, Freude, Liebe – trotz allem, was einem das Schicksal abverlangt, oder gerade deshalb. Der erste Schritt in die Freiheit bedeutet also wieder neu träumen zu lernen, den Träume öffnen unseren Geist und unser Herz für neue Möglichkeiten und für neues Glück.

(Foto: Helmut Schwarzmeier)

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