Cote d`Azur: Fragonard Grasse – Es führt kein Weg am Parfüm vorbei

Ich schließe die Augen und konzentriere mich ganz auf den Geruch. An meine Nase strömt der Duft von Autos, der von frischem Baguette aus der Patisserie und der von Helmuts Aftershave. Wir sind in der über 40.000 Einwohner-Stadt Grasse, in der „Weltstadt des Parfüms“ und dem Handlungsort von Patrick Süskinds weltbekanntem Roman: „Das Parfum.“ Hier gibt es auch das weltweit einzige Parfümmuseum.Gerüche sind die Boten der Erinnerung – Meine Erinnerung an Grasse riecht nach einer Nuance Bergamotte.

Von Andrea Schwarzmeier

„Riech mal. Was riechst du?“, fordere ich Helmut auf und halte ihm einen schmalen Papierstreifen an die Nase. Lavendel, Mimosen, Jasmin, Rosen , Kokosnuss, Orangenblüten? In und rund um die französischen Stadt Grasse im Departement Alpes-Maritimes gibt es etwa 30 Parfümfabriken. Hier, circa 20 Kilometer nördlich von Cannes an der Cóte d`Azur, erstreckt sich im Hügelland der Südausläufer der Seealpen die Stadt der Düfte, in der Rohstoffe in hochwertige Duftessenzen für Parfüm, Kosmetik Reinigungsmittel und Lebensmittelgeschmacksstoffe verarbeitet und in die ganze Welt entsendet werden. Die Parfümerien Fragonard, Galimard, Molinard, Fleuron de Grasse und Guy Bouchara sind die bekanntesten Unternehmen mit historischen Produktionsstätten in Grasse.

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Parfumerie Fragonard – Hier kann der Besucher die Entstehung eines Parfüms miterleben. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

„Zitrone“, hat Helmut überlegt. „Es riecht nach Zitronen.“ Helmut und ich besichtigen die Parfümerie Fragonard, am Stadtrand von Grasse. Unseren Hund Sammy haben wir vorsichtshalber in seiner Autobox abgelegt. Er hält nichts von exquisiten Duftnoten. Unser Kanide niest schon vor sich hin, wenn ich mir zuhause meine Haare betafte. Sammy liebt herbere Gerüche, wie die von Jauche getränkten Feldern oder die Duftschwaben vor Metzgereien.

Vor Helmut und mir befinden sich in der Parfümfabrik auf einem Pult verschraubbare Gläser mit duftenden Essenzen und Papierstreifen, auf denen die unterschiedlichsten Gerüche beschnuppert werden können.Die Besichtigung bei Fragonard ermöglicht einen interessanten Einblick in die Parfümherstellung. Der Eintritt, in das 1926 vom Unternehmer Eugéne Fuchs gegründete Unternehmen, ist kostenlos.

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Provenzialische Seife wird in der Parfümerie Fragonard hergestellt. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Mit Eifer öffnen wir die Gläser und stecken unsere Nasen hinein. Zwei, drei verschiedene Düfte kann sich Helmuts und mein „Duftgedächtnis“ merken. Dann riechen wir wieder an Kaffeebohnen, um unseren Geruchssinn zu neutralisieren. Eine „Nase“ , also der Parfümeur, kann jeden einzelnen Duftstoff in seinem Gedächtnis aufnehmen. Er kombiniert dann die Gerüche und entwickelt ein neues Parfüm. Rund 3000 verschiedenen Gerüche kann eine „Nase“, von denen es weltweit nur etwa 40 gibt, erkennen. Diese Herren der Düfte haben den nötigen Geruchssinn, um ein neues Parfüm zu kreieren. Die meisten dieser 40 Nasen arbeiten in Grasse. Bis sie die richtige Mischung für eine neue Duftnote gefunden haben sind manchmal sogar hunderte von Versuchen nötig. Diese Duftexperten führen einen disziplinierten Lebenswandel, um ihren Geruchssinn nicht zu beeinträchtigen. Zudem beanspruchen sie ihre „Nasen“ nur wenige Stunden am Tag.

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Die Parfümeure entwickeln neue Düfte. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Zwei bis drei Jahre dauert es, bis ein neuer Duft marktreif ist. Erst wird ein Parfüm komponiert, dann wird der Flakon entworfen, ein Name für den neuen Duft gefunden, Werbekonzepte entwickelt. Der bekannteste Duft aus Grasse ist der Duft  Chanel N°5 .

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Helmut testet die Duftnuance. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Helmut und ich entschließen uns, unser Talent als „Nase“ zu überprüfen. Wir fühlen uns schon als Götter der Düfte. Wir sind erst beim fünften Schnupperglas angelangt und sind restlos überfordert. „Nach was riecht es eigentlich?“ Uns wird ganz schön blümerant. Also versuchen es Helmut mit Papierstreifen, die wir in die Parfüms eintauchen. Wir wedeln gleichzeitig mit der einen und der anderen Hand die Teststreifen durch die  Luft. Wir schnuppern und wedeln und wedeln und schnuppern. Veilchen, Iris, Vanille, Pferdemist? Süßlich, leicht, schwer, weiblich, männlich? Ok! Unser olifaktorischer Speicher wird immer besser.Oder?

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Viele Gläser locken mit Düften. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Als wir in der Stadt Grasse angekommen waren, sind uns als erstes die paffenden Schlote der Destillerien aufgefallen. Nirgendwo Blumenfelder. Keine Narzissen, Mairosen, Jasmin oder Nachhyazinthen. Keine Blüten weit und breit. Rund 300 Tage soll in dieser Gegend pro Jahr die Sonne scheinen. Das milde Klima solle eigentlich ideal für Blumenzüchter sein. Doch Grasse, die Heimat und Geburtsstädte des Parfüms an der Route Napoleon, bezieht für die Parfüm- , Seifen-, Eau de Toilette- sowie zur Eau de Cologne-Herstellung viele Blüten, nicht mehr aus der näheren Umgebung. Zu Spitzenzeiten wurden in Grasse jährlich 1.800 Tonnen Jasmin verarbeitet. Doch im letzten Jahrhundert ist die Anzahl der Blumenanbauer rapide zurückgegangen. Die meisten Rohrstoffe, die die Parfümfabriken der Stadt verarbeiten, stammen aus Billiganbauländern wie der Türkei, Bulgarien, Indien oder Marokko.

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Im Shop kann der Besucher einkaufen. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Die duftenden Rohstoffe werden über unterschiedliche Verfahren gewonnen, durch Destillation oder durch das Pressen. Auch mit Hilfe von Fett entzieht man den Blumen die duftende Substanz. Durch Extraktion, Mazeration oder Enfleurage werden ebenfalls die Rohstoffe gewonnen. Wie aus Blüten Parfüm wird, wird in dem unter Denkmalschutz stehenden Parfüm-Museum gezeigt. Auf rund 3500 Quadratmeter erlebt der Besucher eine Zeitreise durch die Geschichte des Parfüms und gleichzeitig durch die Geschichte der Stadt.

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Früher wurde das Parfüm in Kupferkesseln hergestellt. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Im Mittelalter war Grasse eine Stadt der Gerber. Im 17. Jahrhundert wurden hier Tierhäute verarbeitet. In der Place aux Aires gab es viele Gerbereien. Heute ist dieser Ort ein Vorzeigeplatz der Stadt. Mit der italienischen Renaissance waren parfümierte Handschuhe in Mode gekommen. Seit dieser Zeit wurden in Grasse Duftstoffe destilliert, im 17. Jahrhundert Blütensaft extrahiert. Bis heute sind etwa 4000 Menschen in der Parfümindustrie beschäftigt. Rund 10. 000 Tonnen Blüten werden jährlich in Grasse verarbeitet.

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Grasse – Die Stadt der Düfte. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Gerüche sind die Boten der Erinnerung.Sie rufen Empfindungen hervor. Irgendwo auf der Straße erhascht man den Hauch eines Parfümduftes, den die erste Liebe trug. Schon wird man an einen anderen Ort, an eine andere Zeit erinnert. Hier in der Parfümfabrik Fragonard gibt es viele Düfte, die mich erinnern, an den Plätzchenduft zu Weihnachten, an einen Tempelbesuch in Sri Lanka, an den Duft, den meine Oma trug.

Bei Fragonard erleben Helmut und ich die traditionellen Techniken der Parfümherstellung. Abgetrennt von einer dünnen Glaswand erleben wir mit, wie die diversen Produkte in Handarbeit oder mit Hilfe von Maschinen gefertigt werden. Wohlduftende Parfüms, Raumdüfte, Seife und diverse Kosmetikprodukte werden hergestellt. Zudem erleben wir die historische Produktionsstätte mit Destillationsapparaturen, Flakons aus mehreren Jahrhunderten, Kupferkesseln.

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Herstellung von Seife in Handarbeit. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Am Ende besuchen wir die Boutique. Duftwässerchen und Seife und allerhand hübsche Mitbringsel finden sich hier. Es besteht für Interessierte die Möglichkeit beim Direktverkauf die Produkte der Parfümerie zu erstehen. Hilfe bei der Auswahl erhalten Helmut und ich von den netten und kompetenten Damen von Fragonard. Die Verkäuferinnen sprechen viele Sprache. Wir werden von einer netten deutschen Dame bedient, die seit einigen Jahren im Ort lebt. Ich habe mich schon beim ersten Riechen in ein zauberhaftes Parfüm verliebt.

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Duftessenzen aus dem Hause Fragonard. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Nach unserem Besuch in der Parfümfabrik fahren wir mit unserem Auto durch Grasse. Hier wuchsen die Häuser in die Höhe. Eng ist es. Viele Häuser stammen noch aus dem Mittelalter. Helmut und ich stehen vor Fassaden, von denen der gelb-braune Putz bröckelt. An schmiedeeisernen Laternen taumeln Blumenampeln. Über den Ort thront die Kathedrale Notre Dame du Puy, die im 13. Jahrhundert erbaut wurde. Gemälde des aus Grasse stammenden Malers Jean-Honoré Fragonard, von dem auch die gleichnamige Parfümfabrik Fragonard ihren Namen hat, und von Rubens sind in dem Gotteshaus zu sehen. Im Gassengeflecht der Altstadt glaubt man ins Mittelalter versetzt zu sein. In der Altstadt gibt es viele Aussichtspunkte auf Grasse. Ob prachtvolle Gemäuer oder verfallene Ruinen – die Stadt wirkt gar nicht glamourös. Viele kleine Geschäfte ein kleiner Markt und die beschauliche Atmosphäre – Grasse hat sich viel Ursprünglichkeit erhalten. Sehenswert ist die Kathedrale Notre-Dame-du-Puy von Grasse

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Grasse – die Weltstadt des Parfüms. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Grasse ist zudem für seine Gärten bekannt. Sehenswert ist der Garten Jardin des Plantes. Von hier hat man einen guten Ausblick auf Grasse und das Meer. Zehn Minuten von der Innenstadt Grasses entfernt liegen die Blumenfelder der Domaine de Manon. Ebenfalls gibt es ein Marinemuseum aus dem 18. Jahrhundert. Es ist  François-Joseph Paul Graf von Grasse (1722–1788) gewidmet. Im Museum sind 30 Schiffsmodelle ausgestellt. In einem Adelssitz des 18. Jahrhundert ist das Museum für provenzalische Kunst und Geschichte das Musée dÀrt et d`Histoire de la Provence untergebracht.

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Grasse ist ein beschauliches Städtchen geblieben, trotz der Berühmtheit. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Als wir Grasse schon lange verlassen haben, hängen noch immer Düfte in meiner Nase. Hund Sammy niest leise in seiner Autobox vor sich hin, weil Helmut und ich riechen wie drei Parfümerien. Wir wussten:  In Grasse führt kein Weg am Parfüm vorbei. In Grasse sind wir dem Zauber des Parfüms erlegen.

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Tipp 1: Es besteht in der Parfümfabrik Fragonard die Möglichkeit an einem Parfüm-Workshop teilzunehmen und sein eigenes Duftwässerchen zu kreieren. Fragonard besitzt weitere Produktionsstätten und Shops beispielsweise in Cannes, Nizza, Èze, St. Paul de Vence und Paris.

Tipp 2: Im Shop von Fragonard kann man Seifen, Parfüm, Eau de Toilette, Eau de Cologne oder auch Raumparfüm erstehen, zudem typisch provenzialische Seifen. Alle Produkte von Fragonard werden in den Fabriken in Grasse und Èze hergestellt und in den Boutiquen oder im Fragonard Online Shop (www.fragonard.com). zum Fabrikpreis verkauft.

Tipp 3: Mehrere Parfümfabriken wie Fragonard, Galimard und Molinard bieten kostenlose Führungen ohne Voranmeldung an. Der Parfüm-Workshop bei Fragonard kostet 65 Euro und enthält 100 Milliliter selbst kreiertes Parfüm, Schürze und Diplom (www.fragonard.com). Weitere Infos gibt es beim Tourismusbüros von Grasse unter www.grasse.fr.

Tipp 4: Die Auswahl eines Parfüms ist keine einfache Sache, weil ein Parfüm seinen Duft verändert. Die Duftnuance, die das Parfüm innerhalb der ersten halben Stunde entfaltet, gibt nur einen ersten Dufteindruck wider. Nach Stunden breitet sich der Duft an dem Träger aus. Der Duft eines Parfüms hält sich nur etwa drei Jahre lang, selbst wenn es bei konstanten Temperaturen und lichtgeschützt aufbewahrt wird.

Tipp 5: Das Parfümmuseum Musée internationale de la Parfumerie, das sich in einem Haus aus dem 18. Jahrhundert befindet zeigt die Geschichte der Parfümherstellung in Grasse auf. Dr Eintritt beträgt drei Euro. Informationen gibt es unter www.museedegrasse.com.

(Fotos: Andrea Schwarzmeier)

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