Archäologische Grabung: Älteste Zeholfingerin entdeckt

Lange vor dem Bau der Cheops-Pyramide und des Steinkreises von Stonehenge ging in Zeholfing eine Frau auf ihre letzte Reise. Jetzt, etwa 4400 Jahre später, haben Kreisarchäologe Dr. Ludwig Kreiner sowie Franz Dick bei Grabungsarbeiten, die vor der Erstellung der Straße im Sengfeldanger durchgeführt wurden, ihre sterblichen Überreste gefunden.

Von Andrea Schwarzmeier

Zeholfing. Sie war eine zierliche Frau, die älteste Zeholfingerin. Auf etwa 4400 Jahre wird derzeit ihr Alter geschätzt. Bei der archäologischen Grabung im Sengfeldanger wurde das Skelett, das der Glockenbecher-Kultur zuzuordnen ist, entdeckt. Kreisarchäologe Dr. Ludwig Kreiner und Bürgermeister Dr. Helmut Steininger beugen sich über das Grab, das nun nach über viertausend Jahren einen Blick in die Vergangenheit freigibt. Vorsichtig legen Franz Dick sowie Restaurator Franz Thalhammer die menschlichen Knochen sowie die Grabbeigaben, zwei Gefäße, frei. Dieser Fund lässt einen Menschen aus dem Nebel der Urgeschichte treten. „Die Frau wird ungefähr 1,60 Meter groß gewesen sein“, schätzt der Kreisarchäologe. Viel von der Ur-Zeholfingerin ist nicht übrig geblieben. Zu sehen ist der Schädel der Frau und Beinknochen. Der Bagger hat das Grab bei den Erdabgrabungsarbeiten gestreift. „Man sieht, wie stark auch die Bodenerosion ist“, erklärt Kreiner. Beerdigt wurde Ur-Zeholfingerin in der für die Glockenbecher-Kultur typischen Hockerbestattung, die an eine Embryonalhaltung erinnert. Dafür wurde der Verstorbenen der Körper verschnürt. Typisch für das Totenritual in der Glockenbecherzeit sind Einzelbestattungen in Erdgräbern oder Steinkisten. Die Ur-Zeholfingerin wurde in der Erde bestattet. „Es ist häufig, dass die Leute aus dem diesem Glaubenskreis allein bestattet wurden. Typisch ist, dass die Toten in Reihen begraben liegen. Es sind aus der Glockenbecherzeit in unserem Raum nur drei kleine Friedhöfe bekannt“, erklärte der Kreisarchäologe. So wurden Friedhöfe aus der Glockenbecher-Zeit in Landau Südost, in Aufhausen und im Kellerfeld in Pilsting entdeckt. Eine weitere Besonderheit: Die Toten wurden in Hockerstellung in geschlechtsspezifischer Orientierung und Seitenlage beigesetzt. So wurden die weiblichen Individuen mit dem Kopf im Süden, die Füße im Norden und die Extremitäten nach rechts gewandt in die Erde gebettet. Männer wurden mit dem Kopf nach Norden, die Füße im Süden hin bestattet. Bei Frau als auch beim Mann wurden die Beine in angehockte Stellung gebracht. Beide Geschlechter wurden demnach mit dem „Blick“ nach Osten bestattet. Die verstorbene Zeholfingerin, die am Ende der Jungsteinzeit gelebt hatte, wurde mit zwei Gefäßen beerdigt. Das Grabungsteam entdeckte zudem drei Knochenperlen, die v-förmig durchbohrt waren.„Diese Köpfe waren an der Kleidung angebracht. Die Knochen stammen vermutlich von Tieren oder auch von Menschen“, informierte Ludwig Kreiner.

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Franz Dick (links), Kreisarchäologe Dr. Ludwig Kreiner und Franz Thalhammer bei den Ausgrabungsarbeiten am Grab der ältesten Zeholfingerin. (Foto: Andrea Schwarzmeier)

Als die Frau bestattet wurde, wurden ihr als Grabbeigaben zwei Gefäße mit zur Seite gelegt. Restaurator Franz Thalhammer bückt sich über die Tonscherben. Er legt sie vorsichtig frei, wickelt eine Rolle Toilettenpapier über den Fund und gipst das Gefäß ein. So kann es bis zur Restaurierung aufbewahrt werden. Im endneolithischen Europa treten die so genannten Becherkulturen in Erscheinung, wie die Schnurbandkeramik und die Glockenbecherkultur. Diese Epoche ist von Trends in der Gefäßherstellung geprägt. Koch- und Vorratstöpfe, die als Grabbeigaben auch den Toten mitgegeben wurden, sind die namensgebenden Glockenbecher. Diese jungsteinzeitliche, nach ihren glockenförmigen Bechern benannte Kultur hat vor allem Gefäße hervorgebracht wie die glockenförmigen Becher aus Ton mit feiner, zonengegliederter Stempelzier. Die Keramik zeichnet sich durch einen flachen Standboden, ein S-förmiges Profil sowie Verzierungen aus. Auf den Kopf gestellt sehen die Gefäße aus wie Glocken. Bezeugt ist die Glockenbecherkultur vor allem durch Grabfunde. Ihr Ursprungsgebiet war, so vermuten Experten, mit großer Wahrscheinlichkeit das westliche Mittelmeergebiet, von wo aus sie sich in Mittel-, Nordwest-, West- und Südwesteuropa verbreitete. „Wir haben nun das älteste Zeholfinger Grab entdeckt“, bestätigte der Kreisarchäologe Ludwig Kreiner an der Ausgrabungsstätte im Sengfeldanger. Der angehende Gerichtsmediziner und Anthropologe Sebastian Gruber wird sich nun um die sterblichen Überreste der “steinalten“ Zeholfingerin kümmern und anhand der Skeletteile das genaue Alter bestimmen.

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Bürgermeister Dr. Helmut Steininger und Kreisarchäologe Dr. Ludwig Kreiner begutachten den Fund.(Foto: Andrea Schwarzmeier)

„ Dieser Fund belegt, dass schon in der Zeit der ersten Ackerbauern das Isarhochufer bei Zeholfing besiedelt war“, stellte Bürgermeister Dr. Helmut Steininger fest, der sich vor Ort ein Bild über die archäologische Grabung machte. Hier im neuen Baugebiet fanden die Urahnen eine ausgezeichnete Besiedlungslage vor. Der Bürgermeister sprach über die Revolution in der Jungsteinzeit. Die Menschen damals seien in der Lage gewesen, Häuser zu errichten, Brunnen zu schlagen, die Äcker zu bestellen. „Diese Menschen der Jungsteinzeit waren der Ausgang für unsere heutige Kultur“, glaubt Steininger. Die Zeit der Jungsteinzeit soll nun auch im Kastenhofmuseum dargestellt werden. Kurios: Fast zeitgleich zum Zeholfinger Fund wurde bei einer archäologischen Grabung in Wallersdorf ebenfalls ein Grab einer Frau aus der Glockenbecherzeit entdeckt. „Dies ist ganz selten, dass dies zeitgleich geschieht“, verrät der Kreisarchäologe Ludwig Kreiner. Derzeit wird im Siedlungsgebiet Sengfeldanger etwa ein knapper Hektar Land archäologisch untersucht. Entdeckt wurde auf dem Grabungsareal eine große Grube aus der ältesten Ötzi-Zeit, die der Altheimer-Kultur zuzuordnen ist. Zudem wurden Keramik und Tierkochen gefunden, sowie Kieselsteine, die als Arbeitsgeräte dienten und zum Mahlen oder Klopfen verwendet wurden. Des weiteren wurden frühkeltische Funde aus der Zeit um 600 v. Chr. bei der Ausgrabung entdeckt. „Wir haben auch auf dem ehemaligen Feldweg mindesten drei Häusergrundrisse gefunden“, verriet Kreiner. Je näher das Grabungsteam mit den Arbeiten auf die Isarleiten hin komme, desto fundträchtiger sei das Gebiet. Der Kreisarchäologe und sein Team werden noch bis Ende April mit den Grabungsarbeiten beschäftigt sein. Ende April sollen dann die Arbeiten für die Erschließungsstraße Sengfeldanger Bauabschnitt 3 erfolgen.

(Fotos: Andrea Schwarzmeier)

 

 

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