Vom großen Glück eine Heimat zu haben

Hätte es an mir gelegen, hätte ich die Wege meiner Kindheit, die den Staub auf meine Füße zeichneten, nie verlassen. Ich hätte sie nicht verlassen, die Welt aus den Gassen und Winkeln unseren Dorfes, die weichen Betten im Gras, die erklommenen Weidenbäume, die Verstecke im Stroh. Ich hätte noch immer mein Gesicht in den Pfützen gespiegelt, in denen der ganze Horizont zuhause war. Ich hätte es nie und nimmer verlassen, diese Land, das gleich hinter dem Dorf begann und in dem es in meiner Erinnerung immer Frühsommer war und die Morgennebel über der Isar standen. Mit langen, leeren Landstraßen, mit blühenden Kirschbäumen und roten Mohnblumenwiesen.

Von Andrea Schwarzmeier

Damals konnte ich auf diesen Straßen barfuss von einem Kieselstein zum anderen stromern, weil es nur selten mal ein Auto gab.

Da war ein Platz unter den Bäumen, der nur mir gehörte. Ich erinnere mich an mein Baumhaus in der alten Weide, an Verstecke hinter Büschen und an Bolzplätze voller Lachen.

Ich habe die vielen kleines Häuser des Dorfes in Erinnerung, mit den offenen Türen und Fenstern, mit Geschirrgeklapper aus den Küchen und den Duft von Sauerkraut.

Es war warm und roch nach Sommer. Nach dem Essen lief ich weiter durch Wiesen hin zu Bächen, die Geräusche machte, die man hörte. Da war immer die Hoffnung, dass unterwegs ein Wunder passieren würde.

Doch noch wusste ich zu wenig vom Leben, vom Glück, eine Heimat zu haben, einen Ort, an dem man geboren wurde.

Ich erinnere mich noch an das Gefühl, dass ich auf einem meiner letzten Streifzüge unternahm. Ich war kurz vor dem Erwachsenwerden.

Wenn man den Ort, an dem man geboren wurde verlässt, wird man vielleicht einen anderen angenehmen Platz finden, neue Bekannte, schöne Bäume, hübsche Straßen all das kann man finden. Man kann Liebesgeschichten beginnen mit anderen Orten. Trotzdem wird man sein Leben lang nach der Suche sein, nach dem Geheimnis und der Sehnsucht von früher, dieses Verlange an diese Bilder jener Kindertage, mit denen man nichts mehr anzufangen wusste –

Welch Glück, eine Heimat zu haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.