Nichts ist schöner als fliegen

… da ist dieses flaue Gefühl in der Magengegend, das sich ausbreitet in jede einzelne Pore und dem Gehirn meldet: lauf weg oder mache dich unsichtbar. Der Mund wird trocken, das Pani-„P“ kriecht in die Augen, man beginnt zu zittern und ein Kloß setzt sich im Hals fest: Flugangst.

Von Andrea Schwarzmeier

Es war auf Kos, als mein Traum vom Fliegen zum Alptraum wurde, als der Pilot beinahe vor der Landebahn aufsetzte und wir auf die Piste krachten. Seither beschleicht mich dieses Gefühl: „Wie konnte ich es mir je vorstellen, dass ein Metallvogel überhaupt fliegt?“

Die Furcht davor, ein paar Kilometer nichts mehr unter dem Hintern zu haben, lässt sich nur mildern, wenn ich mich an Händen und Knien meines Mannes bis zum Ende des Fluges festkralle. Blaue Knie und zerkratzte Unterarme – meinem Mann wurde es zu viel.

Wohl auch deshalb sollte mir mit einem Geschenk zum Geburtstag die Flugangst genommen werden. Er kutschiert mich in die Prärie irgendwo vor die Alpen. Dort steht Jörg Bodenbender und eine Diamond DA 40. In dieses Leichtflugzeug solle ich nun einsteigen?

Alle Verhandlungen halfen nichts, mein Mann und sein Knie müssen draußen bleiben. Er träumt sich stattdessen schon ins Wallstreetjournal: „Ich habe eine Lebensversicherung abgeschlossen. Wenn du abstürzt habe ich nur hundert Euro eingesetzt und erhalte eine Million“, scherzt er, während ich kreidebleich werde.

Ich schütte Notfalltropfen in mich rein, derweil wischt Pilot Jörg die vereisten Tragflächen mit einem Tuch zwecks besseren Auftriebs ab und fordert uns auf, den Vogel in die Sonne zu schieben. Mein Mut verlässt mich gänzlich, während ich dieses Ding mit den kleinen Schubkarrenreifen schiebe.

„Das Flugzeug ist das sicherste Verkehrsmittel der Welt“, beruhig Jörg von der Sportfliegergruppe Werdenfels. Man könne laut einer Statistik 75.000 Mal um die Erde fliegen, ohne dass einem etwas zustößt, sagt der Pilot, der seine Hobbys, die Fliegerei und Fotografie, zum Beruf gemacht hat. Mit seiner Pentax-Kamera bannt er die Schönheit und Faszination der Landschaft aufs Foto, schon mal fürs Fernsehen oder seine Bildkalender.

Zudem ist Jörg Fluglehrer, also beschließe ich, ihm und der Technik zu vertrauen. Wir heben butterweich ab. Unter uns breitet sich bei strahlendem Sonnenschein das Voralpenland aus. Unzählige Schalter, Hebel, Knöpfe, Anzeigengeräte blinken im Cockpit, während sich über Funk der Kapitän einer Maschine meldet, die von Lima kommt und sich auf dem Landeanflug auf den Flughafen Innsbruck befindet.

Schon wird man gefangengenommen von der Schönheit, die sich unter einem ausbreitet: Forggensee, Schloss Neuschwanstein, Tegelberg, Füssen, weiter geht es höher bis in etwa 3000 Meter. Wir fliegen Bergspitzen entgegen,, so nah, dass man meint sie fast berühren zu können.

Jörg erzählt, beantwortet Fragen, erläutert und erklärt und weiß, wann es Zeit ist zu schweigen um diese Naturschönheit zu genießen, die einem fast die Tränen in die Augen treibt. Ein Ballon schwebt über schneebedeckte Berge dem Sonnenlicht entgegen,, während wir auf die Zugspitze zusteuern und sich dann Kloster Ettal unter uns ausstreckt und ich die Hand durch ein Fenster in den Wind halte.Es ist dieses Kribbeln, dass sich nun ausbreitet, dieses Glücksgefühl dass einem die Zeit vergessen lässt und nach einer Stunde setzen wir wieder sanft auf der Erde auf. Es war mein „Once in a lifetime experience“ das mir wieder Lust am Fliegen machte, denn eines weiß ich, nur indem man sich seiner Angst stellt, kann man sie besiegen. Ich für meinen Teil freue mich nach vielen Jahren erstmals wieder auf den nächsten Urlaub – und die Knieschoner für meinen Mann bleiben zu Hause.

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