Mein Zeitvertreiber

Das Geheimnis der Zeit entdeckte ich vor einigen Jahren in der Stadt mit dem „goldenen Dachl“, in Innsbruck. Mit dem besten Ehemann von allen schlenderte ich durch die Altstadt und entdeckte ein Haus, an dessen Fassade ein sonderbares, eisernes Gebilde hing, ein Turmuhrwerk. In der Auslage der Fenster sah ich alte, antike Uhren. Kuckucksuhren, frei schwingende Pendel, große Standuhren, Tischstanduhren, ein riesiges Turmuhrwerk Präzisionsregulatoren und mitten darin Georg Schmollgruber, ein älterer Mann mit weißen Haaren und zarten Fingern, der Herr über die Zeit. Ein Mann, der über die Seele der Dinge und der Welt bescheid weiß, weil jeden Tag die Zeit durch seine Hände rinnt, Sekunde für Sekunde, unaufhaltsam und unwiederbringlich.

Von Andrea Schwarzmeier

Es ist sein Reich, seine weißgekalkte Werkstatt in einem gotischen Gewölbe. An den Wänden hängen Uhren, groß und klein, Pendel, deren Zeiger unaufhörlich vorrücken, immer weiter vor und mit jedem tick, tick und tack die verrinnende Lebenszeit aufzeigen. In diesem Raum schien für mich die Zeit stillzustehen.

Die Suche nach der Seele der Dinge

Er streicht über seine Skelettuhren, zieht sie auf, weiß über jede seiner Zeitmesser eine Geschichte – jene kommt auf Frankreich, jene war in einem Kirchturm. Schmollgruber zieht die Augenbrauen zusammen und streicht mit dem Finger über ein kleines Zahnrad. Hier zieht er eine Uhr auf, dort beobachtet er, ob der Pendel gleichmäßig von einer Seite zur anderen schwingt. Wir leben in einer hochtechnologischen Zeit. Wir können überall von Smartphones und Computern die exakte Uhrzeit ablesen. Warum brauchen wir da überhaupt noch mechanische Uhren? Zeitmesser aus alten Epochen der Uhrmacherei? In einer Zeit, in der der Mensch Produkte nach ein paar Monaten wegwirft, weil Neues billiger ist als eine Reparatur, da gewinnt das Handgemachte an Wert, weil diese Dinge eine Seele besitzen, die vielen Objekten von heute fehlt.

Schrumpeln und Falten

Alte Uhren, haben eine andere Zeit gesehen. Die betagten Zeitmesser besitzen eine Geschichte, eine Ästhetik und eine Einmaligkeit. Manche der Uhren, die in dem Raum von Georg Schmollgruber (http//www.uhren-schmollgruber.at) schlagen, wurden nur selten gebaut oder durch ihre über hundert Jahre alte Lebensgeschichte zu einem Unikat. Einem Menschen sieht man die Narben und Runzeln an, wo er gearbeitet hat. Das gleiche gilt für eine Uhr. Auch um Georg Schmollgrubers Augen haben sich Falten eingegraben, Falten der Zeit. Schon seit vielen Jahren übt er das filigrane Handwerk in seiner alten Werkstatt aus. Doch immer wieder zieht es ihn hinaus, hinaus nach Frankreich. Mit seiner Frau, einer gebürtigen Französin, besucht er oft dieses Land. Die Wiege der Uhrmacherei liegt in Frankreich.

Auf der Suche nach Schätzen

Schmollgruber und seine Frau kennen sie, die alten und einsamen Bauernhöfe, alte Anwesen, in denen die Zeit stehengeblieben schien. Dort finden sie ihre Schätze: alte Uhren, für die niemand mehr eine Verwendung hat. Der Innsbrucker schon. In der fanzösischen Schweiz entstand im 18.Jahrhundert das Uhrmacherhandwerk. Wenn es im Winter auf den Höfen wenig Arbeit gab, stellten einige der Bauern komplizierte Uhren her, so wie heute Georg Schmollgruber in einem Atelier.

Handgefertigt bis ins kleinste Rädchen

In der lichtdurchfluteten Werkstatt ist es still. Leise tickt es und surrt am Arbeitspult des Uhren-Restaurators. Überall liegen kleine Teile, Schrauben, millimeterkleinste Rädchen. Für komplizierte Uhren braucht es Zeit zum Wachsen, ein gutes Licht, Geduld und ruhige Hände. Schmollgrubers Geschäft ist ein Ort zum Sitzen und ein Ort der Stille. Der Uhrmacher sitzt gebeugt über seine Werkbank, versunken in die Welt der Winzigkeiten. Hier eine zarte Spitze, dort ein geschnittenes Gewinde, dort eine Lupe – Bestandteile einer Beständigkeit von Generationen. Historische Uhren restaurieren und die ursprüngliche Funktion wiederherzustellen, dies ist der Lebensinhalt von Georg Schmollgruber. Er lebt für seine Uhren.

Der Hände Arbeit

In jeder dieser Uhren wohnt eine eigene Philosophie. Jede dieser mechanischen Wunderwerke tickt anders. Eine Pendeluhr arbeitet anders als eine Taschenuhr, eine Turmuhr anders als eine Taschenuhr oder eine Standuhr. Jede der Uhren, die es in dem historischen Gewölbe in Innsbruck zu bestaunen gibt, sind ein Unikat. Georg Schmollgruber feilt und poliert und poliert und feilt, gestern, heute und poliert auch morgen. Er arbeitete ganz winzig an Kleinigkeiten, die im Allerinnersten des Uhrwerks verborgen sind. Schmollgruber zerlegt die alten Uhrwerke bin in ihren letzten Einzelteile und setzt sie am Ende problemlos wieder zusammen. Uhrwerke, Zahnräder, Ziffernblätter, Dinge, die besonders gehütet und sortiert sein müssen, um am Ende wieder ganz zu werden. Feste Zeiger, ein Fehler in der Mechanik oder Verschleiß durch die vergangenen Jahrhunderte: unter Schmollgrubers Händen wird alles wieder heil. Es ist diese Wertigkeit die durch Handarbeit entsteht. Zielstrebigkeit, Geduld, eine ruhige Hand und Genauigkeit das braucht der Uhren-Restaurator. Er tüftelt über einem seltenen Uhrwerk, bis er die Ursache für den Defekt gefunden sind.

Wem die Stunde schlägt

Chronometrie ist der Versuch, Zeit sichtbar zu machen. Der Uhrmacher gestaltet Zeit aus Rädern und Zacken, aus Federspannung und Kolben und schafft damit eine Mechanik, schafft sein Werk: die Uhr. Wir binden uns die Zeit um das Handgelenkt oder hängen sie uns in den Wohnzimmern an die Wand. Uns schlägt mit feinem Ton die Stunde, die Viertelstunde, manchmal auch auf Knopfdruck die Minuten und Sekunden. Die Zeit lässt die Welt aufhorchen. Die Menschen werden von der Zeit gejagt. Die Uhr schreckt einem auf aus dem Schlaf, die Zimmeruhr drängelt zum Aufbruch, die Stoppuhr mahnt zur Schnelligkeit. Die alten historischen Uhren von Georg Schmollgruber aber haben eine barmherzige Seele. Sie kennen das Glück, das der Uhrmacher verspürt, wenn er den Deckel ins Gehäuse einklinkt und sie wieder zu leben beginnen – und sie kennen das Glück jener Menschen, deren Lebenszeit sie begleiten dürfen.

(Foto: Andrea Schwarzmeier)

 

 

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