Zeholfing: Heimatliche Spurensuche

Da ist die Erinnerung an die Holztreppe, die knarzt, der Geruch eingekochter Marmelade, da ist der Waschtisch hinter dem Haus und das Lied, das mein Vater immer sang. – Heimat ist ein weißes Zimmer, ein Dorf mit Schornsteinen, sind Getreidefelder und der Fluss der wilden Isar.

Von Andrea Schwarzmeier

Kurvige Landstraßen, die sich die Hügel bergab und bergauf schlengeln, Maisfelder, in der Ferne Obstgärten. Der Weg nach Zeholfing ist nicht leicht zu finden. Das Dorf mit ein paar schlichten Häusern. Der Ort wirkt nicht herausgeputzt. 306 Menschen leben hier. Es gibt eine Freiwillige Feuerwehr, eine Jagdgenossenschaft, Schützenvereine, den Fischereiverein, einen Fußballverein, den Frauenbund, eine Landjugend und ein Seniorentreff. Es gibt eine Kirche mit Ministranten und einen Pfarrer, der jedes Wochenende aus der Stadt anreist, um die Messe zu zelebrieren. Vor Jahren mal war Zeholfing eine Goldmedaille. Es war das schönste Dorf in der Region. Heute dümpelt das Dorf dahin so wie viele andere Orte im Lande. Hier ein verlassenes Haus, dort ein maroder Gartenzaun.

Ort der Verwurzelung

Für mich ist das geduckte Dorf in Niederbayern, der Klang der Kirchturmglocken zu Mittag, die hölzernen Boote in der Isar, die blühenden Kirschbäume, die kleinen Dorfhäuser der Ort, wo meine Wurzeln haften. Doch Heimat ist noch mehr: ist Erinnerung, ist Andenken an meine Kindheit, obwohl manchen von damals nur noch in Teilen besteht. Es schmerzt mein Herz, wenn sich manches einfach davonstiehlt: das langgezogene Orgelspiel von Pius, der Kramerladen mit den bunten Kaugummis, der Geruch der Kühe im Stall. In meiner Erinnerung ist Heimat ein sonniger Frühsommermorgen, mit kleine Regenpfützen, in denen sich meine ganze Welt spiegelte, sind Streifzüge bei denen man von einem Kieselstein zum anderen stromern konnte, durch Felder und Weidenverstecke. Heimat ist der Duft von Weißwürsten und frischen Brötchen, das Singen der Amsel im Himmel, die weißen Wolken, die Luft, die nach Sommer riecht, nach Traktorenabgasen und im Winter nach kalten Schornsteinrauch. Heimat ist das Klopfen der Karten auf einem Wirtshaustisch, der Geschmack von Organgenlimonade, das Gutenachtgebet und der abgestandene Weihrauchgeruch an Weihnachten.

Sprache der Heimat

Da ist die Straße, in der ich aufgewachsen bin, ein Baum, auf dem wir als Kinder geklettert sind, ein Himmel, der sich mit vertrauten Wolkengebilden darüber wölbt und da ist der Platz, der das erste Rendezvous getragen hat. Da sind Klänge und Geräusche, die Gerüche der verschiedenen Jahreszeiten. Heimat ist die vertraute Sprache. Hier verstehe ich jedes Wort, jedes Lachen. Hier kenne ich die Rituale, die nur hier gebraucht werden, das Anschießen des neuen Jahres, das Tragen des Friedenslichtes in der Heiligen Nacht. Zu Hause sein ist ein warmes Gefühl. Meine Heimat ist das Land der Kindheit, das Reich meiner Erinnerungen- meine Heimat ist die Gegenwart und die Zukunft.

Nach Rom reisen

Heimat, das sind auch die Menschen am Ort, eine innige Gemeinschaft. Sie haben gemeinsam den Pfarrsaal gemauert, den Fußballplatz angelegt. Sie treffen sich sonntags in der Kirche und dienstags zum Stammtisch im Wirtshaus. Das Dorf ist wie eine Familie. Nur eine Sorge hat diese Familie: das ihr Ort dahinschwindet. Immer mehr junge Menschen zieht es hinaus in die Städte der Welt. Kinder werden wenige geboren, nur wenige siedeln sich neu in der Gemeinde an. Das Dorf ist ein Ort der Gemeinschaft. Wann wird das, was in Zeholfing Heimat ist, Familie, Kirche, Verein an Bedeutung verlieren? Solange Heimat da ist, spürt man sie wenig. Erst wenn sie fehlt, erahnt man die Bedeutung. Manchmal muss man erst nach Rom fliegen, um zu wissen, wie schön es daheim ist. Heimat wird noch schöner, je weiter man von ihr entfernt ist. Aus der Ferne werden Blasmusik und Spießigkeit zur verklärten Innerlichkeit und zur Sehnsucht.

Jede Stromrechnung kommt an

Ein zu Hause braucht immer einen Ort, eine Platz, an dem man sich ausruhe kann vom rastlosen Umherwandern in der unübersichtlichen Welt. Heimat ist wie eine Mutter zwischen Wiesen und Getreidefeld, wie ein Engel zwischen Nebel und Wind. Heimeligkeit, Sicherheit, Vertrautheit. Ekstasen auf dem Fußballfeld des FC Zeholfing, das Internet, dass den Landstrich aus der Einsamkeit holt, ein überschaubares Daheim – in meiner Heimat kommt jede Stromrechnung an. Heimat wird auch immer mehr zur Sehnsucht, sich irgendwo zu Hause zu fühlen. Vielleicht gibt es Heimat nicht. Vielleicht ist es nur ein imaginärer Ort, ein Wunschtraum? Ein Platz ohne Zeit, ohne Arglist, ohne Schurkerei und Verschlagenheit?

Es geht um Liebe

Irgendeine Heimat braucht jeder Mensch, einen Ort an dem seine Wurzeln haften. Jeder braucht einen Hort der Obhut, eine Höhle der Geborgenheit auf dem Weg durch das Leben, in der man ich schützt vor dem eisigen Wind, in der man Kraft tanken kann, sich ausruhen, um dem Leben die Stirn zu bieten. Mein zu Hause ist Zeholfing. Die sanften Heimatwege führen überall hin – manchmal auch zu sich selbst.

Heimat ist ein Ort – Heimat ist ein Gefühl. Was ist für Sie Heimat?

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