De kimmt aus Zeifing

„Die kommt aus Zeholfing“ – das sagt mein Mann jeden, den er draußen in der Welt trifft und auf mich aufmerksam machen will. Nein. Eigentlich sagt er: „Die kimmt aus Zeifing.“ Nicht, dass er mich mit Gott und der Welt da draußen bekannt machen will. Er sagt dies immer, wenn ich mich Mal wieder, was ziemlich oft vorkommt, etwas ungeschickt anstelle. So sagt er es, wenn ich es nicht weiß, wie man die U-Bahn-Karte richtig herum in den Automaten steckt. …..

Von Andrea Schwarzmeier

Dann sagt mein Mann H. – Na, Sie wissen es schon: „De kimmt aus Zeifing.“ Zeifing – oder Zeholfing ist ein kleiner Ort zwischen der BMW-Stadt Dingolfing und dem Bayerischen Wald. Zeholfing liegt idyllisch an der Isar. Da lebe ich nun, mein Mann H., der beste Ehemann von allen, und ich, unser Hund Sammy, der Kater Zwibal und die beiden Katzendamen Anna (eigentlich Hailey Ann) und Bella (eigentlich Isabella). Da leben dann noch Methusalem, Kassiopeia, Schwarzkopf und Loreal mit ihren Schildkröten-Familien bei uns. Insgesamt also 22 Personen in einem Haushalt. Wir leben an einem geschichtsträchtigen Ort, der einst schon von Menschen der Steinzeit besiedelt wurde.

Wiege der Mathematik

Hier schlugen meine Ur-Ur-Ur-Ahnen hölzerne Pflöcke kreisrund in den Boden, mehr als 2000 Jahre bevor die Ägypter die Pyramiden errichteten und Menschen die Blau- und Sandsteine zu den mysteriösen Steinkreisen von Stonehenge aufeinander richteten. Also, wir leben in einer betagten Gegend. Warum meine Ur-Ur-Ur-Ahnen das Holz in den Boden schlugen? Sie haben in unmittelbarer Nähe zu meinem Wohnhaus die Mathematik erfunden. Und das kam so: Unsere Vorfahren aus der neolithischen Zeit konstruierten akribisch ausgerechnete Kreisgrabenanlagen auf den Hügeln des Isartales, um die Zeiten der Aussaat und der Ernte zu berechnen. Da verwundert es nicht, wenn die einheimische Spezies noch heute über gigantische und kolossale Rechenkünste verfügt. Jedoch bei mir versagt das gesamte mathematische Wissen kläglich. Wie viel war doch mal gleich zwei plus zwei? Fünf?

Goldschatz der Kelten

Früher fanden die Menschen bei einer alten Taverne auch einen Goldschatz in Zeholfing. Es waren die sagenumwobenen Regenbogenschüsselchen der Kelten. Gold- und Silbermünzen, die die Form von kleinen Schälchen besaßen. Und ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Ich hatte vor 17 Jahren auch einen richtigen Schatz zu Hause. Na, ab und an fand ich früher auf der Straße einen Pfenning. Es wurden immer mehr und so sammelte ich einen Pfenningschatz für mein Brautkleid und meine Brautschuhe. Soll ja Glück bringen. Heute habe ich nicht mal mehr eine Bottle Rum im Garten vergraben. Einzig die Tretmienen unseres Hundes Sammy verteilen sich in unregelmäßigen Abständen auf dem Rasen – und mein größter Schatz liegt jeden Abend neben mir im Bett und gibt mir einen Gute-Nacht-Kuss – mein Mann H., der beste Ehemann von allen.

Das süße Leben

Was braucht es noch im Dorf. Naja auf einem Dorf in Bayern herrscht die Dreieinigkeit Kirche, die Partei mit dem direkten Draht zum Herrgott und es gibt ein Wirtshaus. Alles, was ein richtiger Niederbayern zu seiner Glückseligkeit braucht. Die Dorf-Honoratioren treffen sich im Gasthaus und werfen sich Kussmünder zu, blinzeln sich mit den Augen an, bevor sie den Bettsoacher oder den Maxe auf den Tisch werfen oder setzten eine undurchdringliche Miene beim Schafskopf auf. Da gibt es dann noch die Bauernbuben, die den Mädels statt mit einem frisierten Henasprenga mit Bulldog-Riesen imponieren wollen, mit denen sich durch das Dorf rasen. So sieht das la dolce vita in Zeholfing aus. Später sitzen dann Bub und Mädel manierlich auf der Kirchenbank, auf der rechten Seite die Männer, auf der linken Seite die Frauen. Gemeinsam singt man in der Andacht das „Gegrüßt seist du, Königin“, während der Pfarrer andächtig im Kirchenschiff gen Himmel blickte. Ja, da ist das Leben in Zeholfing in Ordnung.

Isarflimmern im Paradies

Da rauschte sie einmal vor langer, langer Zeit. Nein heute braust sie nicht mehr, die Isar. Mit dem Bau einer nahen Staukraftstufte wurde der einstig wilde Fluss zu einem zahmen See, auf dem nun sommers die Fischerboote ziehen, in denen Menschen sitzen, die Würmchen ins Wasser halten. Ab und an reißt Mal ein Hecht sein Maul auf und schnappt sich diesen bedauernswerten Wurm. Im Winter ziehen Schwäne über den Isarsee. Im Herbst steigen Nebel auf. Im Frühling wachsen die Kätzchen auf den Weiden. Über all dem strahlt der weiß-blaue Himmel. Gott muss sein Zeholfing lieben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.