Noch mehr Geschichten über mich

… da waren die beiden Geschwister Gretel und Hänsel, die sich mit der bösen Hexe anlegten. Oder dieses Mädchen, dass in der Asche nach Erbsen suchte, und die Geißlein, ihrer sieben, die den Wolf hinters Licht führten, der kleine, lustige Kobold, der nachts um züngelnde Flammen tanzte –mit diesen Geschichten bin ich aufgewachsen. Und mit Liedern, die sich im Kreis auf den Plattenteller drehten und von der Gitarre und dem Meer erzählten, vom brennend heißen Wüstensand, von den goldenen Sternen in der Ferne.

Von Andrea Schwarzmeier

Schön, so schön war die Zeit… In meinem Kopf formten sich Ideen über Ideen, Einfälle über Einfälle, zu Geschichten. Und wir spielten, meine Freundinnen und unsere Puppen und wir spielten und spielten und spielten. Dann kam die Zeit, in der ich nach und nach 26 Zeichen entdeckte, die mir eine neue Welt öffnen sollten: A, B, C…

Das Mondlicht auf den Hügeln

Mir strömte der Geruch der Druckerschwärze zu. Ein Duft, der für mich einen ganz besonderen Reiz ausübte. Buchstabe über Buchstabe, gesammelt in Büchern. Ich schlenderte zwischen den Regalen, in denen mein Vater Schriftwerke sammelte und entzifferte die Titel auf den Buchrücken. Ich nahm ein Buch in die Hand und lieferte mich meiner Fantasie aus. „Wenn süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft“, des britischen Autors Eric Malpass war meine erste Lektüre. Ich lernte Familie Pentecoast kennen – Jocelyn, May, Gaylord, David, Jenny, Emma und Amanda. Ich las nicht nur die Buchstaben vor meinen Augen, sondern ich sah Bilder, war ein Teil der Pentecoasts. Ein Erlebnis, dass mein Leben verändern sollte.

Duft der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft

Gedrucktes, gutes Papier, mit Sand zwischen den Seiten, dass mich erinnert an den letzten Urlaub an Meer, mit Kaffeeflecken, Markierungen und Bleistiftkritzeleien – meine Bücher, die nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft duften, voller Erinnerungen. Wenn ich die Seiten der Bücher umblättere, schenke ich mir Zeit, Zeit die mir gehört. Lesen ist ein Erlebnis für die Sinne. Was wäre, wenn ich leere Blätter mit meinen Geschichten zu füllen vermag?

Das Leben brachte Hühneraugen…

So begann ich zu schreiben, mehr noch Buchstabe für Buchstabe auf dieses Weiß zu malen. Erst Gedichte berühmter Dichter, dann To-Do-Listen, Tagebuch, in Schulheften kleine Geschichten. Das Schreiben ließ mich nie mehr los, selbst nicht in meinen Träumen. Ich wachte nachts auf, um auf kleine Zettelchen meine Gedanken niederzuschreiben. Doch das Leben brachte Steuererklärungen, Hühneraugen, einen Haufen Arbeit und irgendwann eine Redakteurin auf einer Thermomixvorführung. Ich bekam die Chance für diese Redakteurin eine Geschichte schreiben zu dürfen. Zerknülltes Papier, ausradierte Bleistiftschrift – doch das Leben erfüllte mir einen langersehnten Traum: schreiben.

An diese Geschichte werde ich mich erinnern, wenn ich schon alle anderen Geschichten vergessen habe.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.