Der will nur spielen

„Der tut nichts. Der will nur spielen“ – Mein Hund Sammy ist in Höchstform. Nein, er tickt nicht nervlich aus. Er fletscht zärtlich die Zähne wie zu einem Lächeln. Er sticht über die Wiese des Parks hin und her. Seine Ohren schlenkern im Wind. „ Der macht nichts, der will nur spielen.“ Hundehalter kennen das ja. Und was mich betrifft: Ich glaub dieses Statement aufs Wort.

 

Von Andrea Schwarzmeier

Sam ist ein vierbeiniger Freigeist. Kläffend und üppig sabbernd entdeckt er als freilaufender Kanide alles, was sich ihm in den Weg stellt: fremde Hunde, Jogger, Sonnenanbeter und Picknickkorb.

Ist ein Hundeartgenosse in Sammys Sichtweite, fixiert er sein Gegenüber und macht sich für das Begrüßungsritual bereit. Erst Beschnuppern der Analregion, dann Demonstration der Macht durch das Auflegen der Pfote am nichtsahnenden Hundekollegen, harmloses Gerangel, dann bricht der Sturm los. Mein Sammy als modernes, lernfähiges Rudeltier verfügt über vielerlei Kommunikationsmöglichkeiten, die er in einer bestimmten Frequenz abrufen kann, die an seine Vorfahren erinnern. Genauer gesagt an das Leittier, den Alpha-Wolf. Sensible und nervenschwache Zweibeiner ergreifen bei diesem Geheul schon mal vorsorglich die Flucht.

Da sind dann noch die Jogger. Die Läufer sind eine sich rasant vermehrende Spezies. Sie belagern Sammys Outdoor-Revier an der Isar. Wenn das Röcheln und Keuchen im Nacken der Lauf-Sportler lauter wird, ist es ratsam, dass sie langsam weiter gehen und die Arme fest an ihren Körper schmiegen. In dieser Gefahrensituation wäre es für jeden noch so durchtrainierten Ausdauersportler fatal, erschrocken zur Seite auszuweichen. Sammy ist immer schneller. Mein Hund gewinnt jeden Kampf um das Isarufer. In seinem Revier flanieren Jogger und Marathonläufer auf eigene Gefahr. Mein Sam hat ein Herz aus purem Gold, er coacht jeden Sportler hin zur Überschallgeschwindigkeit. Doch eigentlich müsste keiner Angst haben: Sammy tut nichts. Der will nur spielen.

Am liebsten mag mein Goldschatz die Sonnenanbeter, jene, die ihre nutzlos lackierten Zehennägel gen Horizont strecken und jene, die sich angesichts ein paar Sonnenstrahlen ihre T´Shirts vom Leibe gerissen haben und ihre verschwitzten Achseln entblößen. Sammy liebt diese Spezies von Mensch. Abgöttisch. Diese Schönwetterfreaks sind wie Parfüm in seiner Hundenase. Von jedem dieser Schwitzfreunde geht eine andere Duftnuance aus. Mein Kanide liebt es, diesen Faulenzern übers Gesicht zu schlappern, bevor sie wegzuschlummern drohen. In akuten Fällen, wenn den Sonnenanbetern schon der Mundgeruch meines Hundes um die Nase weht, empfehle ich gerne schreiend: „Nein. Der tut nichts. Der will nur spielen.“

Picknick auf einer Wiese im Sonnenschein. Was kann es für eine Familie schöneres geben? Ein gelungenes Essen im Freien, ein handgekorbter Koffer reich bestückt mit einer Spitzendecke, einem Weinkühler, Servietten im Provence-Look und Eiweiß, Fett, Kohlenhydrate, ein paar Vitaminen und Sam. Die wirkliche Zuneigung für die picknickende Familie führt direkt durch die Nase meines Hundes. Hilft sein flehentlicher Dackelblick nicht, das Stück Salami zu erbetteln, wird Sammys Angriff auf den Picknick eine unvergessliche Komponente des Familienausfluges. Mein Hund weiß: Kauen macht Falten, Verdauen ist unästhetisch und überhaupt zu viel Pfunde auf den Rippen sind ungesund.

Überhaupt glaube ich an das Gute in meinem Hund, denn Hunde sind halt die besseren Menschen. Sie wollen immer nur spielen.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.